Saturday, January 5, 2013

Die besten und die dümmsten US-Genre-Comics der Welt des Jahres 2012

Die ungeschminkte, erweiterte, umarrangierte, annotierte und unzensierte Wahrheit in weitgehend umgekehrt alphabetischer Reihenfolge.

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THE ZAUCER OF ZILK: Einfallsreicher, schön gereimter britischer Heldenklamauk von Brendan McCarthy und Al Ewing, nach dem Motto: Lewis Carroll und die Beatles treffen sich bei den Sgt.-Pepper-Sessions auf ein Tässchen LSD und erfinden einen Superhelden. (IDW)
 
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THE MASSIVE: Brian Wood kehrt nach DMZ und Northlanders Vertigo den Rücken—beziehungsweise: wird bei Vertigo rausgekehrt—und startet mit den Zeichnern Kristian Donaldson und Garry Brown eine schnieke schicke stylische neue kuschelig-sozialromantische Öko-Endzeit. Brotzeit? Mahlzeit. (Dark Horse)

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THE INFERNAL MAN-THING: Selbst Jahre nach seinem Tod ist Steve Gerber geistig noch frischer als mancher Kollege mit Aktivpuls. Marvel hat sich ein Herz gefasst und Kevin Nowlan die Story nach 30 Jahren fertigzeichnen lassen. Hat sich gelohnt. Du fehlst uns immer noch sehr, Steve Gerber. Nicht vergessen: In Man-Things Hand wird die Furcht zum Brand. (Marvel)

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SAGA: Brian K. Vaughans Rückkehr ins Comic-Geschäft nach jahrzehntelanger Abwesenheit, in Szene gesetzt von der famosen Fiona Staples. Schon bevor das erste Heft erschien, löste Saga in den USA eine erbittert geführte Debatte über das Für und Wider des Stillens aus, was für sich genommen eigentlich kaum mehr zu toppen ist. Das Konzept: Romeo und Julia überleben, kriegen zusammen ein Kind, schließen sich der Rebellion gegen das Galaktische Imperium an und werden treue Abonnenten der Zeitschrift Eltern. Außerdem: exzessive Leserbriefseiten gegen die schreckliche soziale Kälte Südkaliforniens. Der Killer-Instinkt der Macher geht auf. Kommerzieller Erfolg stellt sich ein. Handwerkliche Unzulänglichkeiten entschlüpfen der Wahrnehmung des Lesers. Applaus, Applaus, Applaus. (Image)

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PROPHET: Der mürrische Mainstreamschlechtfinder Brandon Graham muss derzeit arg als Konsens-Indie-Nudel herhalten, vor allem, seit er es irgendwie gepackt hat, aus Rob Liefelds Rambo-meets-Terminator-Abklatsch einen nicht nur lesbaren, sondern oft sogar ungemein faszinierenden, unter anderem vom phänomenös fabutastischen Farel Dalrymple (Name ist echt, der Rest erfunden) gezeichneten Moebius-Abklatsch zu machen. Grahams Eigenproduktionen King City und Multiple Warheads sind auch ganz nett, aber mit Prophet hat er den Vogel 2012 ziemlich abgeschossen. Bleibt abzuwarten, wann er seine erste Schachtel Kreide frisst, um dann doch mal zu sehen, wie das so ist, wenn man von begeisterten Teamplayern totredigierte Superboy- oder Iron-Man-Comics für ein erkleckliches Seitenhonorar und ein paar Krümel von der Tantiementafel schreibt. Toi, toi, toi. (Image; sollte ich dieses Jahr mal ganz kurz übersetzen, war aber ein Missverständnis; Prädikat: too “Indie” für den boomenden Graphic-Novel-Standort Deutschland)
 
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ORC STAIN: Von James Stokoes grafisch kieferbrechender Ork-Saga mit Vietnam-Einschlag kam 2012 genau ein Heft raus, aber das reicht immer noch, um fast alle anderen abzuhängen. Ansonsten bringt Stokoe mit seinen Zeichnungen in Godzilla: The Half-Century War bei IDW gerade die Fans des japanischen Echsenlulatschs zum Platzen. Plopp! - da hat schon wieder einer ein Heft an der falschen Stelle aufgeschlagen. Stokoe ist derzeit der visuell beeindruckendste Zeichner des US-amerikanischen Genre-Comics. Sollte man daher vielleicht mal gelesen oder im publizistischen Sinne verlegt haben. (Image, möchte ich dieses Jahr gerne übersetzen, bitte.)
 
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FATALE: Die US-Website Comics Alliance bringt's mit ihrer Preiskategorie auf den Punkt: “Der Comic von Ed Brubaker und Sean Phillips, der dieses Jahr rausgekommen ist.” Denn: Hier wird immer absolut solide, absolut lesenswerte Genrekost auf Top-Niveau geboten. Diesmal: Crime noir trifft Horror. Außerdem hat Brubaker 2012 nach acht Jahren meist solider Arbeit seinen Captain America zu Ende gebracht und sich fürs Erste von der Superhelden-Klitsche Marvel verabschiedet. (Image)
 
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CHEW: John Layman und Rob Guillory schließen die erste Hälfte ihrer irrwitzigen, irre witzigen Achterbahnfahrt durch alle möglichen Genres mit einem herzhaften Faustschlag ins Verdauungszentrum ab. Ebenfalls empfehlenswert für Freunde des süffigen Science-Fiction-Halligalli: Laymans aktuelle IDW-Reihe Mars Attacks mit Zeichner John McCrea. (Image, oder von mir übersetzt bei Cross Cult)

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CASANOVA: Man spürt ja—sicher zu Recht—viel Begeisterung für Matt Fractions Hawkeye (mit David Aja und Javier Pulido!), sein 2012 abgeschlossener Iron-Man-Zyklus war weit überdurchschnittliche Superhelden-Unterhaltung, Defenders auch ganz nett, und Fantastic Four und FF machen ebenfalls keinen schlechten Eindruck. Aber warum ich mal ziemlich begeistert von Fraction war, daran konnte ich mich erst wieder erinnern, als ich den zur Hälfte 2012 erschienenen dritten Band von Casanova (mit Gabriel Bá!) nochmal rausgekramt und gelesen habe. Was für ein Ausnahme-Autor, wenn er sich nicht gerade mit einer Schachtel Kreide sediert hat, um im Marvel'schen Kuschelkonferenzraum nicht im Affekt und in Akkordarbeit die fleißig dilettierende Klonarmee von Brian Michael Bendis eigenhändig zu erwürgen—für sich ja schon ein Fulltime-Job. Was für ein grandioser Comic. Was für eine verdammte Schande, dass ich Casanova noch nicht übersetzen durfte. Hier macht einer, der genau weiß, wo der Hund begraben liegt, einen einmaligen, mit Pusteln verursachender Intensität und halsbrecherischem Tempo erzählten Pop-Comic übers Pop-Comic-Machen, übers Kreativsein, übers Leben. Und über sich. Resultat: Platz 3 hinter Chris Ware und Joe Sacco in der faktischen und repräsentativen Jahreswertung 2012. Ach, Matt Fraction. Ach. (Marvel/Icon)
 
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BUTCHER BAKER, THE GLORIOUS MAKER: Mittlerweile wird jeder wissen, ob er Joe Casey mag oder nicht. Der Mann experimentiert sich nun seit 15 Jahren kreuz und quer durch die US-Industrie (Betonung: Industrie), greift einige der interessantesten Zeichner ab (hier: Mike Huddleston!) und ist mittlerweile durch seinen Erfolg in der Trickfilmbranche finanziell so rundum sorglos, dass er in seinen Interviews fast immer frei von der Leber weg übers erbärmliche US-Comicgeschäft herzieht und mit 95,3 Prozent Wahrscheinlichkeit irgendjemand sein Fett von ihm weg kriegt, mit dem es sich 97,8 Prozent von Caseys Kollegen lieber nicht verscherzen würden. Hat dieses Jahr allerdings nicht so viele Interviews gegeben—vermutlich, weil sich 96,9 Prozent seiner Kollegen als ausreichend korrupt erwiesen haben, um ihre Zunft um zirka 25,53 Jahre zurückzuwerfen, so nach zirka 1986/1987. Ach so: Butcher Baker. Konzept: rabiater Ex-Superheld macht Superterroristen platt. Ist sowas wie der kleine Bruder im Geiste von Caseys Automatic Kafka. Geriet vielleicht auch deshalb eine Ausgabe kürzer als jene 2003 eingestellte WildStorm-Serie. Macht trotzdem einen Heidenspaß. Ebenfalls von Casey im Jahre 2012: Haunt (mit Nathan Fox!) und Gødland (mit Tom Scioli!). (Image)

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BATMAN, INCORPORATED: Eigentlich war Grant Morrison ja schon einmal besser als 2012, zum Beispiel 2011, 2010, 2009, 2008, 2007, 2006, 2005, 2004, 2003, 2002, 2001, 2000, 1999, 1998, 1997, 1996, 1995, 1994, 1993, 1992, 1991, 1990, 1989, 1988, 1987 oder in dem einen oder anderen Jahr davor, aber schlecht war Batman, Inc. im Jahr 2012 nun auch wieder nicht—vor allem auch dank der Mithilfe von Zeichner Chris Burnham, der uns schon in Officer Downe zusammen mit Joe Casey ganz viel schlichte Freude bereitet hat. Der eigentliche Grund, weshalb ich diesen Comic, den im vergangenen Jahr gelesen zu haben ich mich um ehrlich zu sein gar nicht mehr so recht erinnern kann, hier liste, besteht aber darin, dass dies das Jahr war, in dem wir erfahren mussten, dass Grant Morrison in Wahrheit vor rund 35 Jahren zuerst sich selbst und dann Alan Moore erfunden hat. (Achtung: Die Reihenfolge ist wichtig!) Für aufs Siegertreppchen beim diesjährigen Dave-Sim-Preis für die peinlichste Wortmeldung des Jahres (bisherige Preisträger: u. a. Dave Sim, John Byrne, Frank Miller, Rob Liefeld und Alan Moore) reicht's bei Morrison wohl trotzdem nicht, denn da stehen schon Tony Harris, J. Michael Straczynski und Len Wein und winken. Aber eine lobende Erwähnung ist allemal drin. (Ebenfalls in dieser Kategorie: Darwyn Cooke und Brian Azzarello.) Alles in allem also: ein aufschlussreiches Jahr für Freunde des US-amerikanischen Comics. (DC Comics)
 
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Und:
Der “GENIUS”-Preis für
den dümmsten US-Comic des Jahres 2012,
geht an:



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