Tuesday, February 11, 2014

Über Comics lesen macht doof

Die deutschen Comic-Juroren versagen und die deutschen Comic-Kritiker tun ihre Arbeit nicht, und die Art und Weise, wie wir uns in Deutschland mit Comics auseinandersetzen, leidet darunter.

Neulich war wieder was los. Im Januar gab die Stiftung eines Stuttgarter Großindustriellen bekannt, einen sogenannten “Comicbuchpreis” ausrichten zu wollen. In der Jury sitzen die Leute, die bei allen anderen deutschen Comicpreisen auch in der Jury sitzen, und den Comic-Autoren selbst traut man auch hier nicht zu, irgendwas von Comics zu verstehen; immerhin dürfte der Frauenanteil mit 25 Prozent einen einsamen Spitzenwert unter den deutschen Comic-Jurys erreichen. Dotiert ist die Auszeichnung mit feudalen 15.000 Euro, und das Kleingedruckte fordert, anders als etwa bei der Kirche Hamburg vor zwei Jahren, auch nicht gleich die uneingeschränkten Nutzungsrechte für die nächste Saison mit ein. Gesucht wird ein “hervorragende[r], unveröffentlichte[r], deutschsprachige[r] literarische[r] Comic”.

Alles ziemlich unspektakulär, könnte man meinen.

Anspruchslos glücklich

Aber nur, wenn man die Szene nicht kennt.

Deren Selbstbewusstsein nämlich ist hochfragil und nicht immer darauf eingestellt, mit irgendwelchen Qualitätskriterien konfrontiert zu werden. Im Comicforum und bei Twitter, den Kniescheiben der deutschen Comic-Öffentlichkeit, ließen die vorhersehbaren Reflexe nicht lange auf sich warten. Als eine Sprecherin der Stiftung dann offenbar auch noch telefonisch bestätigte, der Begriff “literarisch” sei als Qualitätsmerkmal—nämlich im Sinne von “anspruchsvoll”—gemeint, war es ganz vorüber mit der Gemütlichkeit. Nur anspruchsvolle, qualitativ hochwertige Comics sollen ausgezeichnet werden können? Was für eine bodenlose Frechheit.

Die Bezeichnung “literarisch” habe beim Comic nichts zu suchen, wurde postuliert, ebenso wenig wie bei Filmen oder Videospielen oder Musik.

Dass Filme und Comics seit Jahrzehnten Gegenstand der Literaturwissenschaft sind, Fernsehserien wie The Wire oder The Sopranos als literarische Werke betrachtet werden, die Literarizität von Videospielen sich sogar schon bis zur BBC herumgesprochen hat, der Begriff der Literatur seit jeher auch schon mündlich Überliefertes, Musik und Bühnenstücke mit einschließt und “Text” sowieso nichts anderes ist als abstrahierte Bildsprache, weshalb nicht nur die Bilder eines Comics, sondern auch Filme problemlos als “Texte” begriffen und im engsten Sinn gelesen werden können und werden—für derlei hochtrabende Überlegungen ist der Tellerrand wohl zu steil.

Man wolle einfach nur unterhaltsame Sachen machen, wird also weiter gemosert, als ob das irgendwer irgendwem verbieten wollte. Warum man in der Szene offenbar der Meinung ist, dass auch solche Comics, die “nur” unterhaltsam oder “lustig” sind und sich mit schlimmen weitergehenden Ansprüchen nicht belasten wollen, unbedingt ausgezeichnet werden sollten oder müssten, wird hingegen leider nicht artikuliert.

Und sowieso: Comics, die—wenn das ein gültiger Maßstab sein soll—vom Publikum als unterhaltsam empfunden werden, sind ohnehin kommerziell erfolgreich, wozu sie also noch auszeichnen? Braucht man die Anerkennung des demonstrativ verschmähten Kulturbetriebs etwa doch, als Bestätigung, dass man keinen Schund mag? Pssst: Es ist völlig in Ordnung, Schund zu mögen—und zu machen. Ob man ihn deshalb auch noch auszeichnen und behaupten muss, es sei kein Schund, das steht auf einem anderen Blatt.

Die Frage ist durchaus ernst gemeint: Warum einen Comic auszeichnen, der sonst nichts tut, als zu unterhalten? Worin bestünde das besondere, fördernswerte Verdienst? Ach, ihr meint gar nicht bloß irgendwelche Unterhaltung, sondern gute Unterhaltung? Sicher, gute Unterhaltung ist auch eine Kunst. Aber wenn man auf die Idee kommt, “gute Unterhaltung” auszeichnen zu wollen, dann scheint mir die Transferleistung, sich ein paar brauchbare Kriterien dafür überlegen zu müssen, selbst für besonders zänkische Comicfans nicht unzumutbar. Worin besteht der Unterschied zwischen einem durchschnittlichen und einem hervorragenden Unterhaltungscomic? In einer geistreichen Geschichte vielleicht, einer besonderen Leichtigkeit in der Präsentation, einem vollendeten Umgang mit Bildern und Worten—womöglich sogar in einem gewissen Tiefgang?

Man könnte das auch “anspruchsvolle Unterhaltung” oder “literarische Unterhaltung” nennen, aber dann kriegen die Leute bestimmt Angst, man will ihnen wieder ihre Sigurd- und Prinz-Eisenherz-Heftchen wegnehmen.

Auszeichnung mit Tunnelblick

Andererseits kann man freilich nicht davon ausgehen, dass eine deutsche Comic-Jury weiß, was sie tut. Feststellen lässt sich das vor allem anhand des alle zwei Jahre vergebenen (also: im Sinne eines Strafstoßes) Max-und-Moritz-Preises, der zugleich bedeutendsten und frustrierendsten Comic-Auszeichnung in Deutschland. Bedeutend, weil die Preise durchaus begehrt und in der Branche und bei den Medien anerkannt sind; frustrierend, weil der blinde Fleck der Jury, die sich seit jeher vor Segmenten wie Webcomics, Genre-Stoffen oder Manga fürchtet, inzwischen zum grauen Star im Endstadium geworden ist.

Die Gewinner des Max-und-Moritz-Preises kommen seit Jahren immer wieder und beinahe ausschließlich aus dem Kreis der Verlage Carlsen, Edition Moderne und Avant. Auch für 2014 steht erfahrungsgemäß zu erwarten, dass Reinhard Kleists Der Boxer (die Biographie eines jüdischen KZ-Häftlings) den Max-und-Moritz-Preis für den “Besten deutschen Comic” gewinnen wird—ein braves, kompetent ausgeführtes Konsensbuch, das sich mit der Nacherzählung einer amerikanischen Prosavorlage begnügt und sich dadurch besonders auszeichnet, dass es vom mehrfachen Max-und-Moritz-Gewinner Kleist stammt, bei Carlsen verlegt wird und den Holocaust zum Thema hat; wäre Der Boxer ein Kinofilm, würde man es “Oscar-Bait” nennen.

Ebenso kann man davon ausgehen, dass die anspruchsvoll und atemberaubend rasant erzählte und weltweit einzigartige Berliner Serie Das UPgrade, die sich spielerisch und raffiniert mit der Wende auseinandersetzt, leer ausgehen wird, denn sie ist bunt und unterhaltsam und erscheint nicht bei Carlsen, der Edition Moderne oder Avant. Spannung gibt es allenfalls noch in der Frage, wie die Jury wohl die zu erwartenden Preise für (ausnahmsweise) Reprodukts Jahrtausendlizenz Jimmy Corrigan sowie Joe Sacco und Jacques Tardi (beide für ihre Comics über den Krieg bekannt, beide persönlich auf dem Comic-Salon 2014 zugegen, beide auf Deutsch von der Edition Moderne verlegt) aufteilen wird, aber irgendwas wird ihr ganz bestimmt einfallen.

Dass derartige Entscheidungen nicht etwa—wie gern vermutet—auf dünkelhaftem Elitismus beruhen, sondern auf Überforderung und Ahnungslosigkeit, zeigte zuletzt die Kür von Simon Schwartz’ Packeis (die Biographie eines schwarzen amerikanischen Polarforschers, erschienen bei Avant) zum “Besten deutschen Comic” 2012. Es handelt sich um eine ohne dramaturgisches Gespür inszenierte Geschichte mit Dialogen zum Fortlaufen, die didaktisch wertvolle Botschaften abspult und sie peinlich übererklärt, um auch ja keinen Leser zu überfordern: eine bieder erzählte Nummernrevue der üblichen, aus zahlreichen Rassismus-Dramen bekannten Konflikte. Hervorragend? Literarisch? Wenn ein gutes Buch, frei nach Kafka, die Axt sein muss für das gefrorene Meer in uns, dann ist Packeis allenfalls der Pappteller für die Fischstäbchen. Für den Max-und-Moritz-Preis ist es gut genug.

Vielleicht wollte man ja ein Zeichen setzen und jene zufriedenstellen, die der Jury den Dünkel vorwerfen, vielleicht liegt es auch an nostalgischer Verklärung—immerhin kommen ja Segelschiffe und Expeditionen vor, da fühlte sich mancher Juror möglicherweise an die Hugo-Pratt- und Jack-London-Abenteuer seiner Jugend erinnert.

Es lässt sich aber leider auch nicht ausschließen, dass die Jury Packeis tatsächlich für einen guten Comic hielt.

Packeis und Der Boxer: beides Biographien nach Hollywood-Strickmuster; beide mit ausführlichen Anhängen ausgestattet, die für ihre Wichtigkeit bürgen; und beides die Werke mehr (Kleist) oder weniger (Schwartz) versierter Erzähler, die sich damit zufriedengeben, banale konsensfähige Botschaften (Rassismus ist schlimm; der Holocaust war schlimm) noch einmal ohne Risiko aufzubereiten, statt sich wirklich mit ihren Themen auseinanderzusetzen. Es geht gar nicht darum, dem Publikum mit dramaturgischen Mitteln auf die Pelle zu rücken, ihm wehzutun oder es aufzurütteln. Ein pseudopädagogischer Betroffenheitsporno mit geschichtlich vorgegebener Handlung und ein paar gelungenen Bildsequenzen reicht ja schon, um Preise abzuräumen.

Das große Vorbild für jede Comic-Biographie heißt natürlich Maus. Aber Art Spiegelmans Buch ist nicht allein deswegen ein Meilenstein des Comics, weil es sich mit dem Holocaust auseinandersetzt. Es ist vor allem Spiegelmans eigene Verstrickung in die Geschichte, seine komplexe und schonungslos dargestellte Beziehung zu seinem Vater, die Maus auszeichnet.

Kleist und Schwartz haben nichts dergleichen zu bieten. Sie erzählen in Der Boxer und Packeis bloß irgendwelche Stoffe aus der fernen Distanz nach, ohne sie um irgendwas Neues bereichern zu können. Für Spiegelman war seine Geschichte ein waghalsiger persönlicher Höllenritt mit offenem Ausgang; Kleist und Schwartz hingegen konnten sich des Beifalls für ihre wichtigen Bücher gewiss sein, ohne dafür auch nur einmal kurz ihre verdammten Künstlerhosen heruntergelassen zu haben, wie sich das gehören würde.

Oder wie es etwa Ulli Lust in Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens tut, das 2010 immerhin den Max-und-Moritz-Publikumspreis gewann—weil die Jury selbst schon damals noch nicht einmal dann in der Lage war, einen guten Comic zu erkennen, wenn sie mit der Nase darauf gestoßen wird.

Meisterwerke, so weit das Auge reicht

Eine ähnliche Überforderung lässt sich auch in den Feuilletons beobachten, wo ein Comic-“Meisterwerk” das andere jagt: Baby’s in Black, Jimmy Corrigan, Blankets, Watchmen, Der dunkle Turm, Habibi, Stuck Rubber Baby, Maus, Ich, René Tardi, Auf dem Drahtseil, Coraline, Jenseits, Hector Umbra, From Hell, Fünftausend Kilometer in der Sekunde, Die Übertragung, Munch, Kopf in den Wolken, Sailor Twain, Der Incal, 5 ist die perfekte Zahl, Saga, The Chronicle of the Clueless Age, Buddha, Vertraute Fremde, Der Boxer, sowieso alles von Moebius, usw. usf.: überall Meister, so weit das Auge reicht. Das Weihrauchfässchen gehört zur Grundausstattung der Rezensenten, die Superlative sind längst ausgegangen. Unter einem “Meisterstück”, “Geniestreich” oder “Jahrhundertwerk” machen wir's nicht. Elitismus? Literarischer Dünkel? Schön wär’s.

Die kritische Rezeption deutschsprachiger Comics erschöpft sich in einem im Kuhglockentakt kopfnickenden Klatschpappentum. Nicht, dass der eine oder andere Comic nicht tatsächlich mal ein überschwängliches Prädikat verdient hätte, aber ihre Häufung lässt eher Spracharmut und fehlenden Überblick vermuten als ein fundiertes, maßvolles Abwägen.

Literatur- und Filmkritiker machen wenigstens ab und zu noch ihren Job, suchen die Auseinandersetzung und wollen ihr Publikum mit so etwas wie einer Haltung, einem wiedererkennbaren Schreibstil oder einer kritischen Distanz zum Konsens aus seiner Lethargie reißen und einen Dialog über Themen provozieren, die ihnen wichtig erscheinen. Eine Krise der Literatur- und Filmkritik, sagt ihr? Paradiesische Zustände im Vergleich zum Comic. Dort trifft man fast ausschließlich auf stilistisch anonyme Texte ohne eine Haltung zu irgendwas, die den PR-Spezis der Verlage das Waschzettelschreiben abnehmen. Da lob ich mir einen Li-La-Launebär wie Lutz Göllner, der schon mal Grant Morrison im Vorbeigehen zum Windei deklariert—übrigens zum einzigen Windei, das in Comic-Rezensionen aktenkundig geworden ist, einer flüchtigen Recherche zufolge. Take that, “Meisterwerk”. Göllner hat zwar auch keine Ahnung, was er schreibt, aber es liest sich wenigstens gut.

Schon Arthur Schnitzler wusste: “Nullen—man mag sich mit ihnen abfinden, es gibt so viele. Aber eine Null und frech dazu, das ist der Rezensent.”

Sehr frech sind die meisten Comic-Rezensenten nun aber leider auch nicht.

Teile und herrsche

Die Willenlosigkeit der Rezensenten im Umgang mit Comics hat mehrere Gründe. Zum einen ist in den letzten Jahren eine digitale Schleimkultur gewuchert, die durch die sozialen Medien begünstigt und von Aggregatoren wie Buzzfeed oder Upworthy und Ideologen wie Dave Eggers propagiert wird. Geliket und geteilt wird das Affirmative, Negatives gilt als Anmaßung und Zeitverschwendung, Misstöne werden zum Sündenfall und sind Ausdruck mangelnder Professionalität und Reife, eines Defizits an Konstruktivität oder Tugendhaftigkeit. Eine Lektion, die schon Bambis Freund Klopfer 1942 auswendig lernen musste: “Wenn du nichts Nettes zu sagen hast, dann sag lieber überhaupt nichts.” Oder, zeitgemäßer formuliert: No haters! Nicht Substanz und Inhalte haben Priorität, sondern der Tonfall. Nettigkeit rules, alles andere wird unter einem dicken Ölfilm erstickt, der gleichzeitig als Schmiermittel für die virale Verbreitung dient. Es kommt darauf an, dass man sich einig ist; worüber, das ist nicht so wichtig. Can’t we all just get along?

Der Gawker-Redakteur Tom Scocca hat das Prinzip “Smarm”, wie er es nennt, in einem langen, sehr lesenswerten Essay analysiert. Dahinter steckt, so Scocca, nichts anderes als die zynische Logik des Marktes: Wer Erfolg hat, der verdient ihn auch; wer scheitert, der ist selber schuld. Und wer bist du schon, dir ein Urteil darüber anzumaßen, ob Erfolg oder Scheitern verdient sind? Es ist die Logik der Überforderten, die Angst davor haben, sich als schlechte Verlierer des Marktes bloßzustellen, indem sie Kritik an jenen üben, die kommerziellen Erfolg genießen. In dieser Logik ist die Welt gerecht, denn der Markt eröffnet jedem die gleiche Chance; wer es nicht schafft, der hat es nicht verdient—und wer daran Kritik übt, der entlarvt sich als verbitterter Hater oder Troll. Also lieber nichts sagen oder, besser noch, diejenigen unterstützen, die durch ihren Erfolg bereits gezeigt haben, dass sie ihn verdienen.

Nun sind Comics, von einigen wenigen Beispielen abgesehen, bei weitem nicht relevant genug, um von dieser Kultur des Teilens und gegenseitigen Gutfindens in nennenswertem Umfang profitieren zu können—schon gar nicht in Deutschland. Aber das Prinzip gilt überall: Verlage und Autoren freuen sich bei Facebook und Twitter über positive Besprechungen; Rezensenten wiederum freuen sich darüber, wenn Verlage und Autoren ihre Besprechungen in den Netzwerken teilen—es sind ja oft die einzigen Reaktionen.

Das ist eigentlich weder problematisch noch ungewöhnlich, sondern alltägliche PR-Arbeit. Es erreicht aber eine neue Qualität dadurch, dass die Anerkennung und Weiterverbreitung positiver Kritiken durch Verlage und Autoren von den Rezensenten nun gezielt und unmittelbar gesucht wird, indem man neben den lobenden Worten gleich noch die passenden Mentions unterbringt und so sicherstellt, dass die Objekte der Berichterstattung das Geschriebene auch möglichst direkt zur Kenntnis nehmen. (Probe aufs Exempel. Es ist wirklich ein toller Comic! Oder wollte ich nur, dass es ein toller Comic ist, weil ich wusste, dass Verlag und Autor es toll finden würden, wenn ich ihn toll finde? Die Glaubwürdigkeit ist ein elender Verräter.)

Bei negativen Besprechungen sind die Betroffenen oder ihre PR-Schleudern—wie die von Avant, Carlsen, Edition 52, Edition Moderne und Reprodukt betriebene Webseite graphic-novel.info—naturgemäß weniger geneigt, für Klicks zu sorgen. In einer Umgebung, in der Aufmerksamkeit als Währung an Bedeutung gewinnt, liegt der Verdacht nicht fern, dass sich so das Spektrum tendenziell in Richtung positiver Kritiken verschiebt, die Grenzen zwischen Produzenten und vermeintlichen Kritikern verschwimmen—es nur noch eine große Interessengemeinschaft gibt, deren selbstverständliches Ziel es ist, den Menschen tolle Sachen zu bringen, und in der gegenseitig honoriert wird, dass ganz viel von ganz vielen ganz toll gefunden wird.

Die logische Konsequenz: Toll ist unterm Strich immer genau das, was veröffentlicht und verkauft wird. Ist das nicht toll?

Das Bier-Dilemma

Das ist im Comic nichts grundsätzlich Neues.

“Denn jeder persönliche Kontakt mit anderen Angehörigen des Betriebs”, schrieb der Literaturkritiker Burkhard Müller vor drei Jahren in der Neuen Rundschau (1/2011), “bedeutet für [den Kritiker] ein Stück Korruption, insofern es nahezu unmöglich ist, jemanden zu verreißen, mit dem man schon mal ein Bier getrunken hat.” Zu behaupten, dass gerade im deutschen Comicbetrieb jeder mit jedem schon mal ein Bier getrunken hat, wäre sicher eine Übertreibung. Aber keine große.

Und Marcel Reich-Ranicki mahnte schon vor 45 Jahren:

“Jeder Kritiker weiß aus Erfahrung, daß es zahllose Situationen gibt, in denen Höflichkeit dem Autor gegenüber nur auf Kosten der Klarheit möglich ist. Hinter einer solchen Unklarheit verbirgt sich aber immer eine gewisse Unaufrichtigkeit, die wiederum von der bewußten Irreführung nur ein kleiner Schritt trennt.” (Reich-Ranicki, Lauter Verrisse, 1970)

Diese “gewisse Unaufrichtigkeit”, von der Reich-Ranicki spricht und die nach dem von Müller erwähnten Bier-Prinzip ohnehin die halbe Comic-Rezensentenschaft in ihrer Pflichterfüllung hemmen muss, wird durch die sozialen Medien nun noch einmal um ein Vielfaches verstärkt.

Kein Wunder also, dass es die kritische Berichterstattung über Comics in Deutschland inzwischen längst nicht mehr nur an der Leber zwickt, sondern sie kurz vor einem multiplen Organversagen steht.

Peng. Bumm. Zack. Gähn.

Der öffentliche Umgang mit Comics in Deutschland hat natürlich auch eine nicht unbedeutende geschichtliche Dimension. Zwar lässt sich seit der Jahrtausendwende eine massive Zunahme der Besprechungen beobachten, aber von einem grundlegenden Wandel kann keine Rede sein.

“Ein lahmarschiges journalistisches Narrativ wurde durch ein neues lahmarschiges journalistisches Narrativ ersetzt”, schreibt Christian Huberts bei VideoGameTourism. Er meint natürlich Games, aber viele der Aussagen in Huberts’ klugem Text hätten auch dann noch weitgehend Bestand, wenn man “Computerspiele” durch “Comics” ersetzen würde.

Huberts weist darauf hin, dass sich lediglich die Vorzeichen der Berichterstattung über Computerspiele geändert haben, nicht aber die Qualität. War es früher der vermeintlich jugendschädigende Aspekt von Spielen, der sie zum Gegenstand der Medien gemacht hat, so ist es heute ihr vermeintlich pragmatischer und womöglich pädagogisch wertvoller Nutzen. Oberflächlich wird so der Anschein erweckt, Spiele seien im Bewusstsein der Berichterstatter und ihres Publikums als fester Bestandteil unserer Kultur angekommen, aber bei genauerem Hinsehen ist das mitnichten der Fall.

“Man respektiert eine Kultur nun mal nicht, indem man ausschließlich darüber nachdenkt, was sie wirtschaftlich, pädagogisch, medizinisch etc. für uns leisten kann”, schreibt Huberts. “Nicht die Computerspielkultur selbst steht im Fokus, sondern ihre Schnittpunkte mit der bildungsbürgerlichen Komfortzone.”

Bei Comics ist das nicht anders.

Meist ist es nicht die Qualität eines Comics, der ihn für die Medien interessant macht, sondern seine tagespolitische Relevanz oder sein Potenzial als Kuriosum. Das gängige Narrativ der Comics im Mainstream-Journalismus stützt sich noch immer auf die uralten Vorurteile, die nun—wie Huberts es auch bei Computerspielen diagnostiziert—als Einstieg ins Thema recycelt werden: Peng! Bumm! Zack! Schau her, Leser, Comics sind gar nicht mehr bunt, dumm und lustig—sensationell, was? Immer und immer wieder.

Der bunte, dumme, lustige Comic ist noch immer die Station, an der die Medien glauben, ihr Publikum abholen zu müssen, immer wieder, wie am Murmeltiertag. Dementsprechend wäre es völlig widersinnig, einen Comic negativ zu besprechen. Das hieße ja, man müsste Comics generell als Erzählform ernst nehmen. Das hieße ja, man müsste von der Annahme, Comics seien bunt, dumm und lustig, grundsätzlich abrücken. Einen so radikalen Vorstoß wollen Medienredakteure ihrem Publikum dann doch nicht zumuten.

Und so kommt es selten vor, dass ein Comic so besprochen wird, wie man das vielleicht bei einem Film oder Roman tun würde.

Wenn Süddeutsche.de über Arne Jyschs Kriegsreißer Wave and Smile berichtet, geht es nicht etwa um die Qualität der Geschichte oder der Dialoge, die Glaubwürdigkeit der Figuren, die Effektivität der Bildsprache oder die speziellen Motive und politischen Botschaften, die der Comic transportiert. Nein, es geht allein um den Aufhänger: Hey, hier ist ein Comic (!) über den Bundeswehreinsatz in Afghanistan—ist das nicht sensationell? Der Artikel ist rein deskriptiv, besteht aus einer Bilderstrecke und einer Nacherzählung der Handlung. Nachrichtenwert des Stücks: Es gibt auch Comics zu ernsthaften und relevanten Themen. Den Carlsen-Verlag wird’s gefreut haben, als Beweis kultureller Akzeptanz taugt es kaum.

Nun sind nicht alle Comic-Besprechungen derart desolat und inhaltslos, aber sie funktionieren nach dem gleichen Muster.

Honoriert werden als wichtig empfundene Themen oder gefällige Botschaften, aber nur selten die Qualität einer Geschichte. Ein Comic, der noch so unterhaltsam, noch so wunderbar erzählt und noch so reich an eindringlichen Momenten, faszinierenden Figuren und messerscharfen Dialogen ist, hat quasi keine Chance, von den Medien zur Kenntnis genommen zu werden, wenn er sich nicht mit einem als relevant und wertvoll eingestuften Thema beschäftigt. Und sobald er das tut, werden seine eigentlichen Qualitäten—oder deren Abwesenheit—bestenfalls nebensächlich.

“Ich wünsche mir Kritik an Games”, schreibt Huberts. “Vernichtende, erhellende, lückenlose, gut recherchierte und von Erfahrung geprägte kritische Auseinandersetzung mit einem Gegenstand der Kultur. Im Zentrum der Texte, nicht in ihrer Peripherie.”

Wenn einem der Comic am Herzen liegt und man die mediale Berichterstattung darüber verfolgt, kann man seinen Wunsch sehr gut nachvollziehen.

Everyone’s a Critic

Es ist völlig legitim, von Comics nur unterhalten werden zu wollen. Eine gesunde Erzählform erkennt man daran, dass die Mehrheit ihres Publikums sich die meiste Zeit einfach zerstreuen will. Unterhaltung ist keine leichte Aufgabe, und es gibt viele Comic-Autoren (und mit “Autoren” meine ich hier immer auch “Zeichner”), die sie hervorragend beherrschen.

Jeder Comic—unabhängig von seiner Qualität—ist zudem Artefakt seiner Zeit und der Umstände seines Entstehens und als solches unantastbar und gegen jede Art von Kritik gefeit. Comics sind Kunst. Comics sind Literatur. Comic-Autoren zeichnen mit Text und schreiben mit Bildern. Comics sind Kultur. Sie waren es immer schon, und sie werden es immer bleiben. Das ist keine Frage von Definitionen oder Beurteilungen, es ist einfach so. Und es gilt für Trash ebenso wie für große Meisterwerke und die ersten Kritzelcomics aus dem Kindergarten (oder der Kunsthochschule).

Eine gesunde Erzählform erkennt man allerdings auch daran, dass über sie gesprochen wird, weil sie mehr will als unterhalten—dass sie in diesem Anliegen ernst genommen und begleitet wird. Diese Begleitung kommt der Kritik und den Fachjurys zu. Sie haben die Aufgabe, eine Definition von Qualität anzubieten und anzuwenden, Werke in ihrem kulturellen Kontext zu beurteilen. Ihre Maßstäbe und Urteile sind nie endgültig, aber sie sind die Grundlage einer fruchtbaren öffentlichen Auseinandersetzung über Comics.

“Die Kritik ist die einzige Helferin”, wusste Friedrich Nicolai schon 1755, “die, indem sie unsre Unvollkommenheit aufdeckt, in uns zugleich die Begierde nach höhern Vollkommenheiten anfachen kann.” Der deutsche Comic kann es sich nicht leisten, auf diese Helferin zu verzichten.

Comics brauchen Menschen, die Lust haben, sie ernst zu nehmen und sie klar zu beurteilen—und für die es gleichermaßen eine Selbstverständlichkeit ist, über ihr eigenes Tun und Urteilen zu reflektieren, sich ständig an bestehenden Maßstäben zu reiben und diese, wenn nötig, durch bessere, zeitgemäßere zu ersetzen. Mit jedem konkreten Werk, das betrachtet wird, gilt es, die eigenen Maßstäbe und Ansprüche neu zu überprüfen.

tl;dr

Comics ernst nehmen, das heißt, sie nicht nach ihrem Thema, sondern nach ihrer erzählerischen Qualität beurteilen.

Comics beurteilen, das heißt, nicht mit gefälligen Worthülsen zum bestehenden Konsens dessen beitragen, was alle ohnehin schon zu wissen glauben, sondern diesen hinterfragen und sich in aller Deutlichkeit äußern.

Wenn ich als Juror einen Comic auswähle, weil ich glaube, dass er dazu taugt, sich bei einem gewissen Publikum anzubiedern, dann habe ich versagt. Wenn ich als Kritiker meine Leser nicht begeistere oder vor den Kopf stoße, dann habe ich meine Arbeit nicht getan.

Die deutschen Comic-Juroren versagen und die deutschen Comic-Kritiker tun ihre Arbeit nicht, und die Art und Weise, wie wir uns in Deutschland mit Comics auseinandersetzen, leidet sehr darunter.

6 comments:

moritz stetter said...

ich danke dir für diese messerscharfe Analyse!

Sascha Wüstefeld said...

Leute, das ist ja genial geschrieben! Kompliment und Dank für dieses famose Ausformulieren lang gehegter aber stets unfertiger Gedankengänge!

Sanchez said...

Das Traurige ist halt wenn es ein komerzieller Comic werden soll hat die Szene genauso Probleme .

thowi said...

Da liegen wir in Leipzig mit unserem Goldenen Comicgartenzwerg doch gar nicht so falsch, finde ich: http://comicgarten-leipzig.de/goldener-gartenzwerg/

maqz said...

Seit 20 Jahren schreiben / sprechen / filmen wir unsere Meinung zu Comics. Das ging/geht vom Rezensionsexxemplar-Abgreifen durch Waschzettelabschreiben, bis hin zu echten "Find ich voll Scheiße/klasse!" - Aussagen. (Mehr nicht! Rezensionen schereiben andere!) Leider muss ich heute immer mehr feststellen, dass man sich letztendlich nur wirklich auf sein eigenes Urteil nach dem Lesen des Werkes verlassen kann. (Ich fand Kleists Boxer übrigens hervorragend, finde dabei aber auch Marc-Oliver Frischs Beschreibung zum "Konsensbuch" sehr passend.) Doch letztendlich bleibt es nicht aus, dass ich mir Comics wohl weiterhin durchlese trotz, und nicht wegen einer Rezension (wenn's nicht die eigene ist... ;-)).
Übrigens die letzte Comicfrechheit, die mir wahrlich aus den Händen gefallen ist, weil sie wirklich so übel war: ...ach nee. Ich werd im Alter zu milde. Heute will ich doch eher über die Comics reden, die mich begeistern. Und Auszeichnungen haben Comics und ihren Autoren und Zeichnern nur sehr wenig geholfen, wenn sie nicht mit Geld verbunden waren! Aber wenn ich je Preise vergeben könnte, würd ich einen sicher auch Saschas "Das UPgrade" geben! :-)

Comiczeichner said...

Sehr schöner Artikel, aber für "normale" Comicleser und Comicschaffende wahrscheinlich zu viele Sätze auf einmal ;-)

Die deutsche Comicszene ist schon eine Sache für sich, aber irgendwie trotzdem sympathisch.