Thursday, May 1, 2014

Vom Mosern und Bessermachen

Aus gegebenem Anlass: Nachklapp zum Max-und-Moritz-Preis und zur kritischen medialen Begleitung von Comics.

Leider habe ich gerade nicht die Freizeit für eine Kritik mit knapp fünfzigtausend Zeichen, einen Artikel mit vierzigtausend oder einen kleineren Essay mit fünfundzwanzigtausend, aber ab und zu stolpert man ja mal über Dinge, die man kommentieren und klarstellen mag.

Lars von Törne, Initiator und Redakteur der Comic-Sparte des Berliner Tagesspiegels, rät mir, ich solle meine Zeit lieber mit Bessermachen als mit Mosern verbringen. Er präzisiert: “Ich meinte damit: Je mehr Artikel (nicht nur Tweets) von kritischen Geistern, desto besser.”

Welches Gemoser meint Von Törne?

Vermutlich meine kurzen Hinweise auf mögliche Interessenkonflikte beim diesjährigen Max-und-Moritz-Preis ein paar Stunden zuvor, die sich aus den Nominierungen der Comic-Autoren Flix, Mawil und Fil ergeben. Denn Flix und Mawil veröffentlichen ihre Comicstrips unter anderem auch beim Tagesspiegel, und der Zitty-Verlag, bei dem nicht nur die von mir im Tweet erwähnte Comicserie Das UPgrade erscheint, sondern eben auch das nun für den Max-und-Moritz-Preis nominierte Fil-Buch, gehört gehörte bis zum 31. März*** zum Tagesspiegel-Verlag.

Problem: Lars von Törne ist nicht nur Comic-Redakteur und -Kurator des Tagesspiegel, sondern auch Mitglied der diesjährigen Max-und-Moritz-Jury.

Derartige Verquickungen kommen beim Comic öfter vor*, und daran wird sich so bald wohl auch nichts ändern. Immerhin: Andreas Platthaus, stellvertretender Ressortleiter des Feuilletons der FAZ und seit 2002 fünfmal Jury-Mitglied des alle zwei Jahre vergebenen Max-und-Moritz-Preises (unter anderem auch bei der letzten Auflage 2012), gehört diesmal nicht zu den Juroren. Mit dabei ist er trotzdem wieder, denn die beiden im Suhrkamp-Verlag erschienenen, von Platthaus herausgegebenen Titel Flughunde von Ulli Lust und Kiesgrubennacht von Volker Reiche stehen auf der Nominiertenliste. Man darf es angesichts der Geschichte des Preises als Fortschritt betrachten, dass Platthaus nicht trotzdem in der Jury sitzt.

Die Comicbranche ist seit jeher ziemlich schmerzbefreit, was Interessenkonflikte angeht. Aber das heißt ja nicht, dass wir alle so tun müssen, als wäre so was normal. Dem Journalisten und Redakteur Lars von Törne gefällt mein Gemoser jedenfalls nicht. Er findet es offenbar unschicklich, diese Fragen einfach so bei Twitter aufzuwerfen.

So viel zum Mosern. Kommen wir zum Bessermachen. Mit dem generellen Anwurf des Kritisierten an den Kritiker, letzterer möge es doch erst einmal besser machen, will ich mich hier nicht belasten. Die Unzulänglichkeit dieser—menschlich sicher nachvollziehbaren—Regung hat Lessing bereits vor gut 200 Jahren erläutert, dabei sollte man es bewenden lassen.

Interessanter ist für mich die Frage, was Von Törne denn im konkreten Fall genau mit “besser machen” meint.

Ich will ja nicht behaupten, dass ich besonders fleißig wäre im Publizieren von kritischen Texten zur allgemeinen Verfassung der deutschen Comicbranche. Ich habe mich 2012, vor der Vergabe des letzten Max-und-Moritz-Preises, ausführlich mit Bodo Birk, Veranstalter und selbst Mitglied der Jury, unterhalten. Ich habe die Preisvergabe danach kommentiert und auf Anfrage eines anderen Fachmagazins noch einmal kommentiert. Ich habe einen kritischen Kommentar zur Debatte um das sogenannte Comic-Manifest verfasst, an Verlage und Berichterstatter Seitenhiebe ausgeteilt, wo sich dazu Anlass und Gelegenheit boten. Und ich habe mich zuletzt an dieser Stelle über den Zustand der Fachjurys und der Comic-Kritik beklagt. (Meine diversen Print- und Online-Rezensionen lasse ich einmal außen vor.)

Das sind nicht viele kritische Beiträge zum Zustand des deutschen Comics, über die zwei Jahre seit der letzten Max-und-Moritz-Runde gerechnet. Ich wage aber zu mutmaßen, auch ohne nachzuzählen: Es könnten eventuell mehr sein, als das gesamte deutsche Feuilleton im gleichen Zeitraum zustande gebracht hat. Und ganz sicher habe ich allein in den letzten beiden Jahren mehr kritische Beiträge zum Zustand des deutschen Comics veröffentlicht, als Lars von Törne in seiner Tätigkeit als Tagesspiegel-Redakteur bisher geschrieben oder redaktionell betreut hat. Und das sagt weniger über mich aus, denn noch einmal: So viele sind es bei mir ja auch nicht.

Man verstehe mich nicht falsch: Ich begrüße es sehr, wenn Kritik mit offenem Visier stattfindet. Eine offene Streitkultur ist ja leider keine Selbstverständlichkeit. Menschen, die sich—ganz staatsmännisch—anonym oder hintenrum das Maul zerreißen, gibt es auch im Comic genug. Da ist es eine erfrischende Abwechslung, wenn mal ein Platzhirsch offen zurückmosert.

Das macht die Einstellung, die die dahinter steht und so zutage kommt, aber nicht besser. Man könnte auf den Gedanken kommen, Lars von Törne zu fragen, wo die vielen kritischen Geister in der Comic-Berichterstattung, die er nach eigenem Bekunden so schätzt, im von ihm verantworteten Comic-Ressort des Tagesspiegel sind. Man könnte auch fragen, mit welchem Recht er mehr kritische Texte fordert, wenn er für die überwiegende Mehrheit der Texte über Comics, die er beim Tagesspiegel verantwortet, nicht einmal ein Honorar zahlt.**

Natürlich gibt es auch in Deutschland Möglichkeiten, gegen Bezahlung über Comics zu schreiben. Die sind allerdings so rar gesät, und die Bezahlung dann meistens doch zu schlecht, als dass es sich aktuell lohnen würde, gezielt auf eine Karriere als Comic-Feuilletonist hinzuarbeiten.

Meinen Lebensunterhalt bestreite ich anderweitig, und die Zeit und Arbeit, die ich reell in meine Texte über Comics stecke, vergütet mir so oder so kein Mensch, selbst wenn ich ab und zu ein Honorar bekomme. Als Übersetzer werde ich zwar auch nicht unbedingt fürstlich entlohnt, aber zumindest werde ich bezahlt, und ich kann diese Bezahlung (meistens) in einen Stundenlohn umrechnen, ohne dabei in eine tiefe Depression zu verfallen. Als “Karriere-Kritiker” sähe das bei den derzeitigen Rahmenbedingungen—selbst im besten Fall—wohl leider anders aus.

Also, mit Verlaub, Herr von Törne: Einen Gratis-Artikel von mir haben Sie bereits bekommen. Der ist nicht schlecht, und den habe ich gerne in meinem Portfolio. Davon abgesehen finde ich aber, dass Texte, die ich in meiner Freizeit schreibe, in meinem eigenen Blog oder auf den Webseiten Gleichgesinnter besser aufgehoben sind als bei großen deutschen Medienhäusern, die sich für zu arm halten, ihre Autoren zu vergüten. Ich finde es auch gar nicht schlimm, meine kritischen Äußerungen auf Twitter, Blogs und Fachmagazine zu reduzieren, solange eben kein breiter Markt dafür vorhanden ist.

Deshalb unentwegt den weißen Wal einer Byline im Feuilleton zu jagen, dazu habe ich keine Lust. Letztes Jahr hat mich die New York Times zitiert. Dafür hab ich zwar auch kein Geld bekommen, aber es hat mir die Erkenntnis gebracht, dass der Spaß, den eigenen Namen in großen Medien gedruckt zu sehen, ungleich größer ist, wenn man sich dafür nicht erst verbiegen muss.

Wenn Sie doch einmal einen Auftrag zu vergeben haben, für den Sie entsprechend zu zahlen bereit sind, dann wissen Sie, wie Sie mich erreichen. Ich stehe dem ganz sicher offen gegenüber, und Proben meiner Arbeit sind ja allgemein bekannt und zugänglich. Bis es soweit ist, freue ich mich weiterhin über kritische Rückmeldungen, auch bei Twitter.

*Nachtrag, apropos: Auch bei mir selbst gibt’s einen Interessenkonflikt, denn meine Übersetzung des Comics Saga wurde vom Publikum für den Max-und-Moritz-Preis 2014 nominiert und steht folglich in Konkurrenz zu den anderen im Artikel erwähnten Comics.

**Korrektur, 2. Mai, 9:15: Lars von Törne hat gestern noch per E-Mail auf meinen Kommentar reagiert und mir in der Folge einige Fragen beantwortet.

Meine Behauptung, er würde “die überwiegende Mehrheit der Texte über Comics, die er beim Tagesspiegel verantwortet”, nicht vergüten, sei falsch, schreibt Von Törne. Es seien ausnahmslos alle derzeit auf der Startseite des Comic-Ressorts sichtbaren Texte—aktuell zurückgehend bis zum 27. März 2014—vom Tagesspiegel vergütet worden, darunter auch zwei Texte von Freien, die laut Von Törne ausschließlich auf der Online-Seite erschienen sind.

Inzwischen würden, so Von Törne, auch Online-Artikel, die nicht von Tagesspiegel-Mitarbeitern stammen oder gleichzeitig auch in entsprechend angepasster Form im Print-Tagesspiegel erscheinen, in Ausnahmefällen vergütet.

Vor zweieinhalb Jahren hatte er diese Möglichkeit in einer E-Mail an mich noch kategorisch ausgeschlossen, da für reine Online-Texte von Freien kein Budget zur Verfügung stehe; er hatte damals zum Ausdruck gebracht, dass ihm dies sehr unangenehm sei, er aber aufgrund fehlender Einnahmen durch die Online-Seite auch keine Honorare zu vergeben habe.

In der Regel scheint es wohl so zu sein, dass die meisten Artikel auf der Online-Comic-Seite des Tagesspiegels—zumindest derzeit—entweder a) von Lars von Törne selbst oder von anderen Mitarbeitern der Zeitung stammen, oder b) über einen Paketdeal quervergütet werden, der entsprechende Artikelversionen für Print und Online beinhaltet.

Insofern gehe ich davon aus, dass meine Behauptung, die “überwiegende Mehrheit” der von Lars von Törne verantworteten Comic-Artikel beim Tagesspiegel würden nicht vergütet, nicht haltbar ist.

Ich bitte, den Fehler zu entschuldigen.

***Korrektur, 2. Mai, 9:42: Der Zitty-Verlag gehört seit dem 1. April 2014 nicht mehr zum Tagesspiegel, sondern zum Raufeld-Verlag, auch wenn die Zitty-Webseite nach wie vor was anderes behauptet.

1 comment:

Lars von Törne said...

Hallo Marc-Oliver,
im Eifer des Gefechts sind in Deinem Text ein paar Dinge arg durcheinander geraten, die ich hier gerne korrigieren möchte.

Missverständnis Nummer 1: Mein Tweet bezog sich nicht, wie Du unterstellst, auf den Max-und-Moritz-Preis, sondern auf einen Tweet, indem „Gossip Göre“ auch mit Bezug auf einen vorangegangenen Tweet von Dir feststellte, dass Deutschland leider zu wenige fähige Comic-Kritiker habe. Daraufhin habe ich getweetet: „Solange Ihr Eure kostbare Zeit zum Mosern statt zum Bessermachen verwendet, dürfte sich das nur langsam ändern“. Intention meines Tweets war, Dich und andere kritische Comic-Kenner dazu zu motivieren, nicht nur über die Defizite des Comic-Journalismus zu schimpfen, sondern die Lage eher als Herausforderung zu sehen, zu einer Verbesserung beizutragen. Denn auch ich wünsche mir, dass die Comic-Kritik in Deutschland sich noch weiter differenziert und emanzipiert.

Missverständnis Nummer 2: Den von Dir unterstellten Interessenkonflikt beim diesjährigen Max-und-Moritz-Preis kann ich nicht erkennen. Es stimmt, dass Flix und Mawil auch für unsere Zeitung einen Strip zeichnen, aber der stand bei der Jurysitzung in diesem Jahr nicht zur Debatte. Wäre dies der Fall gewesen, hätte ich mich der Stimme enthalten. Was zur Debatte stand, waren zwei Bücher von Flix und Mawil, deren Inhalt komplett ohne Zusammenhang mit dem Tagesspiegel ist, da es sich einmal um die Buchausgabe eines in der FAZ veröffentlichten Strips handelt und einmal um ein direkt als Buch für Reprodukt angelegtes Projekt. Daher konnte ich als Juror diese Werke als eigenständige Veröffentlichungen ohne Tagesspiegel-Bezug beurteilen.

Missverständnis Nummer 3: Du schreibst, dass die „zitty“ zum Tagesspiegel gehört. Das ist seit einigen Wochen nicht mehr der Fall, weil die „zitty“ an einen anderen Verlag verkauft wurde. Aber auch vor diesem Eigentümerwechsel wäre die Unterstellung, ich hätte hier bezüglich Fils Strip befangen agiert, ziemlich weit hergeholt. Meine Meinung zu diesem Strip – und auch zu den Büchern von Flix und Mawil – basiert einzig und allein darauf, wie ich sie als Leser finde.

Missverständnis Nummer 4: Du behauptest, der Tagesspiegel zahle „für die überwiegende Mehrheit der Texte über Comics“ kein Honorar. Das ist schlicht falsch. Es stimmt, dass wir hin und wieder Texte auf unseren Onlineseiten veröffentlichen, die uns von Autoren als Zweitverwertung, aus Eigeninteresse oder aus sonstigen Gründen gratis angeboten werden. Die Mehrzahl unserer Comic-Artikel wird jedoch mehr als ordentlich honoriert. In der Regel schreiben unsere Autoren eine kurze Fassung ihres jeweiligen Textes für die Comicseite, die etwa alle sechs Wochen im gedruckten Tagesspiegel erscheint und die sich durch Anzeigen finanziert. Das wird mit einem Honorar vergolten, das deutlich über dem bei vielen vergleichbaren Publikationen liegt. In der Regel schließt das eine längere Onlinefassung des Artikels mit ein, manchmal liefern dieselben Autoren dann von sich aus auch noch einen weiteren Online-Text. Aber bezahlt werden sie, und das wahrscheinlich besser als bei den von Dir bevorzugten Publikationen.

Ich hoffe, dass damit zumindest die gröbsten Fehler korrigiert und Missverständnisse behoben sind. Denn wie gesagt: Eigentlich war die Intention meines Tweets, kritische Geister wie Dich für mehr (honorierte) Beiträge auf unseren Seiten zu gewinnen, denn wie bereits anfangs erwähnt stimme ich Dir darin zu, dass es in Sachen kritischer deutscher Comicjournalismus noch viel Luft nach oben gibt.

Mit besten Grüßen,
Lars