Thursday, January 1, 2015

Neujahrs-Nabelschau

Tschüss, Zwanzigvierzehn, und danke für alles.

Das Jahr 2014 war privat und beruflich ziemlich vollgepackt und ziemlich gut, mir fällt jedenfalls keinerlei Grund ein, ihm irgendetwas Schlechtes hinterherzurufen. Nebenbei habe ich irgendwie Zeit für ein paar Texte gefunden, sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch, mit denen ich auch jetzt noch ganz einverstanden bin. Das ist erfahrungsgemäß nicht immer so.

Weil mich einige der Themen wohl auch weiterhin beschäftigen werden, gestatte ich mir einen kleinen Rückblick darauf, was ich 2014 so geschrieben habe.

DeForge, Forsman, Sacco

Da wären zunächst meine letzten drei Artikel für die Comic-Fachzeitschrift Alfonz, über die Independent-Comicmacher Michael DeForge (Alfonz 01/2014), Charles Forsman (02/2014) und Joe Sacco (03/2014).

Dass ich meine Kolumne abgegeben habe, hatte persönliche Gründe, aber ich bin nach wie vor dankbar, dass ich einem—so schätze ich—in dieser Hinsicht weitgehend unbeleckten Publikum die Comics von DeForge, Forsman oder im Jahr zuvor Michel Fiffe vielleicht ein bisschen näherbringen konnte, über die man sonst in deutscher Sprache leider kaum etwas liest.

“2gegen1: Berserk vs. Prison Pit”

Bei Comicgate gab’s im November endlich die zehnte Folge der Kolumne “2gegen1”, in der Björn Wederhake und ich uns gegenseitig unsere Kritiken zu jeweils zwei Comics um die Ohren hauen; diesmal ging’s um die Manga-Reihe Berserk von Kentaro Miura und den US-Comic Prison Pit von Johnny Ryan.

Der Reiz des “2gegen1”-Formats besteht für mich zum einen darin, dass es mir—manchmal sehr zu Wederhakes Leidwesen—einen Rahmen gewährt, ohne jede Einschränkung und ohne jeden kommerziellen Zwang das zu tun, was ich als große Freude und großen Luxus empfinde: mich mit einem Comic intensiv auseinanderzusetzen und meine Gedanken dazu aufzuschreiben. Zum anderen genieße ich den Schlagabtausch mit Wederhake, der fast genauso gut austeilen kann, wie er einsteckt.

Zwar habe ich mich bei unseren drei Lesern bereits persönlich bedankt, wiederhole dies aber hier sehr gerne noch einmal. Vielleicht können wir unser Publikum durch diesen dezenten Hinweis ja noch einmal verdoppeln oder gar verdreifachen.

(Von einer irgendwann vielleicht sogar einmal zweistelligen Leserschaft zu sprechen, hielte ich zum gegenwärtigen Zeitpunkt allerdings noch für Traumtänzerei. Dazu machen wir das wohl nicht regelmäßig genug—was vor allem meine Schuld ist, wie Wederhake sofort bestätigen wird.)

“What We Talk About When We Talk About Crit”

Auf der englischsprachigen Seite The Hooded Utilitarian des US-Kritikers Noah Berlatsky habe ich im Juni—in Anlehnung an Raymond Carvers berühmte Kurzgeschichte—einen Essay mit dem Titel “What We Talk About When We Talk About Crit” veröffentlicht. Ich reagiere darin auf ein paar aktuelle Debatten zum Thema Kritik und Comic-Kritik in der US-Comicszene, aber ich nahm den Text auch zum Anlass, ein paar grundlegende Gedanken zu äußern.

Was ist überhaupt “Kritik”? Wozu brauchen wir sie? Welche Auswirkungen hätte das Fehlen einer gesunden kritischen Streitkultur für den Comic, für Künste und Kultur, für die Gesellschaft als Ganzes? Über die kontroverse Diskussion in den Kommentaren habe ich mich gefreut; darüber, dass ich aus Theodor Adorno einen “Theodore” gemacht habe, weniger.

Kurz gesagt, ich lege in dem Text mein Kritikverständnis dar, das auch meinen Rezensionen und meinem vorangegangenen deutschsprachigen Essay zum Thema (siehe unten) zu Grunde liegt.

“Vom Mosern und Bessermachen”

Von den drei Texten, die ich 2014 hier im Blog veröffentlicht habe, bin ich mit dem letzten, “Vom Mosern und Bessermachen”, sicher am wenigsten zufrieden. Und das liegt nicht am Inhalt, sondern schlicht am Handwerk. Dass einem ein paar schnell hingeschriebene und nicht weiter recherchierte Nebensätze mit Effet—und völlig zu Recht—um die Ohren fliegen, sollte keine Überraschung sein, aber das macht es auch nicht weniger ärgerlich. Resultat: mehrere Korrekturen und eine Richtigstellung von Lars von Törne, bei dem ich mich hier noch einmal ausdrücklich für meine Schludrigkeit entschuldige.

Ich werde beim nächsten Mal mehr Sorgfalt walten lassen.

“The Fallen Wizard of Northampton”

An den beiden anderen Blog-Texten habe ich nichts Größeres auszusetzen. Der englische Essay “The Fallen Wizard of Northampton” befasst sich mit der Privatfehde des britischen Autors Alan Moore gegen unzählige Kollegen, Kritiker und Journalisten, die immer groteskere Züge annimmt.

“Über Comics lesen macht doof”

Der deutsche Essay “Über Comics lesen macht doof” kritisiert derweil die Art und Weise, wie Kritiker und Fachjuroren in Deutschland mit Comics umgehen.

Kuriose Randbemerkung: Obwohl der Moore-Text im Vergleich zum Kritik-Text kaum Wellen geschlagen hat, liegen sie nach einem knappen Jahr fast exakt gleichauf in den Nutzerstatistiken—der deutsche auf Platz fünf der am meisten angeklickten Beiträge hier im Blog, der englische auf Platz sechs, mit einem Abstand von nur sieben Klicks—und werden offenbar auch immer wieder einmal neu verlinkt in irgendeinem sozialen Netzwerk.

Letzteres freut mich insbesondere beim Kritik-Text, denn das ist ein Thema, welches mich schon seit längerem beschäftigt. Die beiden Essays, die ich 2014 dazu geschrieben habe, werden sicher nicht die letzten sein.

CSE 2014: “Die deutsche Comic-Kritik”

Auch über den Zuspruch des Erlangener Comic-Salons, der auch als Reaktion auf meine Texte kurzfristig ein Podiumsgespräch zur deutschen Comic-Kritik organisiert und mich dazu eingeladen hat, habe ich mich außerordentlich gefreut. An dieser Stelle noch einmal herzlichen Dank an Bodo Birk vom Comic-Salon für die Einladung, sowie an alle Mitdiskutanten und das Publikum im Saal für das überraschend große Interesse und die rege Teilnahme.

Bei Gelegenheit werde ich noch einmal genauer auf das Podium und auf die letztjährige Vergabe des Max-und-Moritz-Preises zurückkommen, deshalb hier nur so viel: Ich war da, um mich über den Comic und die Kritik zu streiten, und ich hoffe, das hat man gemerkt.

Es hat jedenfalls Spaß gemacht.

Comic-Symposium Saarbrücken 2014

Das gilt, zu guter Letzt, auch für das Saarbrücker Comic-Symposium 2014 (hier ein Beitrag des Saarländischen Rundfunks dazu).

Vielen Dank an unsere Gäste, die es mir als Moderator sehr einfach gemacht haben, meine anfängliche Überforderung hinter mir zu lassen, und sich allesamt als interessante Gesprächspartner erwiesen haben; und vielen Dank an Joni Marriott, Jonathan Kunz und Elizabeth Pich für die Organisation und die Einladung.

Ich weiß nicht, ob und wie es mit der Veranstaltung weitergeht oder ob ich daran beteiligt sein werde, hoffe aber sehr, dass diese junge Institution der Stadt erhalten bleibt.

“Best Comics 2014: Church, State, Food, Morals”

Und schließlich noch meine Bestenliste der Comics des Jahres 2014—auf Englisch, wie gewohnt. Lobesreden auf die enthaltenen Titel werden auf Anfrage auch gerne auf Deutsch nachgeliefert.

* * *

Damit wird’s höchste Zeit, 2014 abzuhaken. Mein Dank gilt allen Lesern, Verlinkern, Retweetern und Folgern, allen Kritikern, Fürsprechern und Kommentatoren. Ich wünsche euch ein gutes neues Jahr.

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