Tuesday, February 17, 2015

Eine Hand hypt die andere

Die deutsche Comicbranche ist klein. Man kennt sich, und diejenigen, die über Comics berichten, sind selten frei von Interessenkonflikten. In den letzten Wochen treibt dieser Zustand bei der FAZ und beim Tagesspiegel allerdings besonders grelle Blüten.

Gestern erschien beim Münchner Knaus Verlag Der Araber von morgen, ein Comic des Franzosen Riad Sattouf. Autor der Übersetzung: Andreas Platthaus. Bereits eine Woche zuvor wurde der Band in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung besprochen. Autor des FAZ-Textes: Andreas Platthaus.

Wenn es in deutschen Zeitungsredaktionen ein Aushängeschild für Comics gibt, dann ist es Andreas Platthaus, Feuilleton-Redakteur und kommissarischer Leiter der Literaturabteilung der FAZ. Dort betreibt Platthaus unter anderem ein Comic-Blog; auch die im Herbst 2014 eingestellten Comic-Strips der FAZ wurden von ihm kuratiert. Bei Suhrkamp gibt Platthaus eine Reihe von Comic-Romanen heraus. Wenn man sich näher mit der deutschen Comicbranche auseinandersetzt, kennt man Platthaus von zahlreichen Messen, Lesungen und Podiumsgesprächen, bei denen er als Comic-Experte und Moderator in Erscheinung tritt. Er sitzt in vielen Fachjurys. Dass er sich für Comic-Übersetzung interessiert, ist ebenfalls bekannt: Ende 2012 habe ich Platthaus persönlich kennengelernt im Rahmen eines von ihm geleiteten Seminars am Europäischen Übersetzer-Kollegium Straelen.

Beim Comic gibt es zwischen Journalisten, Autoren und Übersetzern oft Überschneidungen, das ist prinzipiell nichts Neues. Allerdings sind nur wenige Comic-Übersetzer in der Lage, ihre Bücher auch gleich noch selbst ausführlich in der FAZ besprechen und vorstellen zu dürfen. In großen Zeitungen erscheinen Comic-Rezensionen nach wie vor nur sporadisch, die Zahl der Comic-Neuerscheinungen hingegen ist relativ hoch. Dass der Knaus Verlag Platthaus die Übersetzung anbietet, verwundert kaum. Dass der dieses Angebot nicht nur annimmt, sondern den Comic auch noch an prominenter Stelle in seiner Zeitung unterbringt und bespricht, schon eher. Die Entscheidung eines FAZ-Redakteurs, ausgerechnet einen Comic in die Zeitung zu nehmen, an dessen Veröffentlichung er selbst beteiligt ist, wirkt unglücklich, selbst wenn man allen Beteiligten nur die besten Absichten unterstellt.

Platthaus sieht das anders. “Die Frage erübrigt sich, denn es ist keine Rezension”, schreibt er auf Anfrage. “Wie es in der Zeitung steht: ‘Vorabdruck’.” Die Vorabveröffentlichung gehe auf die Initiative des Knaus Verlags zurück, so Platthaus. Er habe im Vorfeld die Zustimmung von Feuilletonchef und Herausgeber eingeholt. Auf die Frage, ob seine Übersetzung von Der Araber von morgen mit einem Absatzhonorar vergütet werde, schreibt Platthaus, es sei “ein Fixhonorar vereinbart”.

Es stimmt natürlich: Das FAZ-Stück ist als “Vorabveröffentlichung” gekennzeichnet. Allerdings steht da eben auch ein längerer Text von knapp 1.000 Wörtern, der im Stil einer Rezension über den Autor, die Machart und Qualität des Comics referiert.

Es handele sich um “ein großartiges Beispiel autobiographischer Literatur”, attestiert Platthaus dem Buch dort. “Selten” habe er “eine überzeugendere Kombination von Witz und Tiefgang gelesen”. Von einem “ingeniöse[n] Kunstgriff” ist die Rede. “Riad Sattouf beherrscht Grammatik und Symbolsprache des Comics vollendet”, so Platthaus über den Autor. Mit dem Comic, dessen zweiter Band bereits in Arbeit sei, entstehe “ein Zyklus, der auf die immer drängendere Frage nach dem Verhältnis von Islam und Europa zu antworten versteht: mit Scharfsicht und Humor. Und ohne falsche Rücksichten.” Falsche Rücksichten wollte man wohl auch den FAZ-Lesern nicht zumuten.

Immerhin klärt Platthaus—einmal in der Besprechung selbst, einmal im Kleingedruckten—den Leser über seine Verstrickung auf. Auch das ist leider keine Selbstverständlichkeit.

Auf der Online-Seite des Berliner Tagesspiegels erschien am 27. Januar eine positive Besprechung des Comics Saint Young Men, veröffentlicht bei Egmont Manga. Autor des Textes ist Michel Decomain—derselbe Michel Decomain, der auch Autor einer laufenden Comic-Reihe ist, die seit 2014 bei Egmont Manga erscheint. Ein erster Band erschien vor knapp einem Jahr, der zweite ist für Mitte 2015 angekündigt. Einen Hinweis darauf sucht man beim Tagesspiegel vergebens.

Auch sonst nimmt es der Tagesspiegel nicht so genau damit, seine Leser über etwaige Interessenkonflikte zu informieren. Die Zeitung berichtete in den vergangenen Jahren immer wieder wohlwollend über die Comicserie Das UPgrade. Diese erschien bis 2014 beim Zitty-Verlag, welcher bis zum 1. April 2014 wiederum zur Tagesspiegel-Gruppe gehörte. Seine Leser darauf hinzuweisen, hielt der verantwortliche Redakteur, Lars von Törne, auch hier nicht für notwendig.

Von Törne ist eigentlich Berlin-Redakteur des Tagesspiegels. Vor einigen Jahren initiierte er die Comic-Sparte im Kulturteil der Zeitung. Sie erscheint in erster Linie online, in größeren Abständen aber auch gedruckt, und wird—laut Von Törne—offenbar kostenneutral über die Anzeigen der Printseite finanziert. Ähnlich wie Platthaus trifft man Von Törne inzwischen bei vielen Comic-Veranstaltungen an. Er hält Vorträge, moderiert, sitzt auf Podien und in Fachjurys—was diese nicht davon abhält, Comic-Autoren zu nominieren und auszuzeichnen, deren Strips unter Von Törnes Ägide beim Tagesspiegel erscheinen. Einen Interessenkonflikt könne er dabei nicht erkennen, so Von Törne bereits letztes Jahr dazu.

Dass Autoren Werke von Verlagen besprechen, mit denen sie selbst in einem wirtschaftlichen Verhältnis stehen, sei beim Tagesspiegel nicht üblich, schreibt Von Törne nun auf Anfrage. “Es kann allerdings mal vorkommen. Dann muss ich abwägen, wieweit ich das als Redakteur für vertretbar halte und wieweit im konkreten Fall wirklich ein Interessenkonflikt vorliegt. Wenngleich ich versuche, das zu vermeiden, um eben gar nicht erst den Anschein von möglichen Interessenkonflikten entstehen zu lassen.”

Konkret auf den FAZ-Text über Der Araber von morgen angesprochen, lobt Von Törne die Transparenz, mit der Platthaus auf seine Übersetzertätigkeit hinweist, sagt aber auch, er selbst “hätte in dem Fall als Redakteur versucht, den Band durch einen anderen Rezensenten besprechen zu lassen.”

Im Fall der Egmont-Rezension durch den Egmont-Autor Decomain hält er hingegen weder das eine noch das andere für notwendig. “Ich sehe bezüglich der Rezension von Saint Young Men [...] keinen problematischen Interessenkonflikt,” schreibt Von Törne. Auch die Rezensionen und Berichte über die Zitty-/Tagesspiegel-Publikation Das UPgrade durch den Tagesspiegel taugen “aus meiner Sicht nicht als Beispiel zur Illustration der angesprochenen Interessenkonflikte”, so Von Törne—obwohl es gerade in seiner Comic-Sparte in Person von Tagesspiegel-Autor und Zitty-Redakteur Lutz Göllner eine direkte redaktionelle Schnittstelle gab.

Alles in Butter also? Angesichts solcher vom Leser kaum noch durchschaubaren Verflechtungen und des sorglosen Umgangs damit scheint mancher Vergleich gar nicht mehr so abwegig. Es herrscht offenbar ein grundsätzlicher Mangel an Sensibilität und journalistischen Standards.

Das Signal, das davon ausgeht, ist verheerend. Wie soll man mit semiprofessionellen Fachmagazinen und Bloggern, wie sie gerade im Comic-Bereich die Berichterstattung prägen, ernsthaft über die Wahrung kritischer Distanz oder die Trennung von redaktionellen Inhalten und Werbung reden, wenn selbst Medien wie die FAZ und der Tagesspiegel diesen Themen mit einer kaum zu überbietenden Unbedarftheit begegnen?

Link: Meine Fragen an Andreas Platthaus und Lars von Törne und die Stellungnahmen im Wortlaut

Offenlegung: Da ich nicht nur über Comics schreibe, sondern sie auch kommerziell übersetze, gehört das Nachdenken über mögliche Interessenkonflikte und Disclaimer für mich inzwischen zum Geschäft. Ich habe schon mehrfach über Comics geschrieben, an deren deutscher Version ich beteiligt war. Ich glaubte, dafür unverdächtige Gründe zu haben, aber vielleicht sollte ich es in Zukunft einfach lassen. Die Notwendigkeit dazu ist selten so überwältigend groß, dass die Rechtfertigung dafür, so überzeugend sie im besten Fall auch sein mag, im Zweifel nicht nach einer Ausrede klingen würde.

4 comments:

Starocotes said...

Woher kommt eigentlich das Problem oder ist unser Anspruchsdenken falsch?
Mit der Diskussion gestern auf Twitter kombiniert stellt sich mir dir Frage warum in den USA der Comicjournalismus zumindest in meinem begrenzen Blick besser funktioniert als hier, wo unser Markt diesbezüglich doch größer und breiter ist.
Oder sehe ich einfach die "Problematik" drüben nicht obwohl sie da ist?

Anonymous said...

Noch so'n Fall:
http://comicgate.de/rezensionen/comic-jahrbuch-2015/

Andi said...

@Anonymus: Hast du auch gelesen, was unter dem Artikel steht? Der Rezensent war weder am Jahrbuch beteiligt, noch ist er beim ICOM involviert.

Wenn du ihm daraus einen Strick drehen willst, dass andere CG-Autoren am Jahrbuch mitgewirkt haben, könnten in logischer Konsequenz eigentlich kaum noch Rezensionen veröffentlicht werden, denn irgendeine Verbindung gibt es in der überschaubaren deutschen Comicszene immer.

Marc-Oliver Frisch said...

@Andi:

Finde den Hinweis durchaus legitim. Ich sehe nicht die Dringlichkeit, unbedingt Bücher rezensieren zu müssen, an denen eigene Autoren oder Redakteure beteiligt sind. Es gibt noch genügend andere, und die Werbetrommel zu rühren ist nicht Aufgabe einer seriösen Rezension.

Und wenn die Redaktion eines vermeintlich unabhängigen Magazins tatsächlich so mit anderen Verlagen und Publikationen verbandelt ist, dass es ohne Interessenkonflikte nicht mehr geht, lohnt es sich vielleicht, auch darüber mal ernsthaft nachzudenken.