Friday, August 7, 2015

Phonogram

Ein guter Popsong kann gewaltige Kräfte in uns entfesseln—uns erheben und antreiben, uns traurig machen, uns vernichtend treffen. Die Comicserie Phonogram handelt von Menschen, die diese Macht erkannt haben und versuchen, sie sich zu Nutze zu machen.

Am nächsten Mittwoch erscheint das erste US-Heft von Phonogram: The Immaterial Girl, dem dritten Teil von Kieron Gillens und Jamie McKelvies Metacomic über Popmusik und Nostalgie. Ein guter Anlass, meine Kurz-Empfehlungen der ersten beiden Bände ins Netz zu stellen, ursprünglich erschienen in Comicgate-Magazin 2 (2007) und 5 (2010). 


Rue Britannia

Kohl, David: (1) Hauptfigur von Phonogram; (2) adrett gekleideter, in England lebender junger Mann; (3) arroganter Wichser, der sich für arschcool hält und guten Musikgeschmack für sich gepachtet hat; (4) ein Phonomancer.

Wie meinen? Nun, ein Phonomancer ist ein Magier, der mit Popmusik zaubert. David Kohl ist demzufolge so eine Art wildgewordener Mod mit Zauberkräften. Nicht, dass er die Musik selber macht: Nein, sein Element—seine Rohmasse—ist Popmusik: der treibende, erhebende Song, der zu deinem persönlichen Soundtrack wird und dich kurzzeitig unbesiegbar macht, während du mit Stöpseln in den Ohren die Straße runter schlenderst, den Fluss entlang joggst oder mit heruntergekurbeltem Fenster an der Ampel stehst.

Diese Art von Magie, die jeder von uns schon mal irgendwie, irgendwann, irgendwo gespürt hat, vermag Kohl zu lenken und zu seinem Vorteil zu nutzen, und er ist nicht der einzige seiner Art. Kohls neuster Auftrag: Irgendwas stimmt nicht mit der Göttin des Britpop, und er soll’s richten. Der von den Briten Kieron Gillen und Jamie McKelvie geschaffene Comic ist, leicht verkürzt gesagt, The Matrix mit den Mitteln von High Fidelity.


The Singles Club

„Über Musik schreiben ist wie über Architektur tanzen“, soll sich Elvis Costello einmal abwertend über seine Kritiker geäußert haben. Ob Kieron Gillen, Jamie McKelvie und Matthew Wilson über Architektur tanzen, habe ich nicht recherchiert; jedenfalls machen die Engländer Comics über Popmusik—und das immer besser, wie ihr „schwieriges zweites Album“ beweist.

Aus der Sicht von sieben Figuren darf man in sieben Kapiteln siebenmal dieselbe Nacht in einem Indie-Club erleben, die Erstaunliches an Gefühlen, Ideen und Effekten provoziert. Wo Rue Britannia, der schwarzweiße Debüt-Band von 2007, noch ein verkopftes und etwas sperriges Konzeptalbum war, erweist sich The Singles Club als knallbunte Hit-Wundertüte.

Jede der sieben Nummern funktioniert als eigenständige Story und liefert gleichzeitig einen Mosaikstein zum großen Ganzen des nächtlichen Panoramas. Die Figuren definieren sich über Pop—Stücke von Blondies „Atomic“ bis TV on the Radios „Wolf Like Me“ werden als Stichwort- und Taktgeber aufgelegt—und erfinden sich darüber nicht selten neu. Gillens und McKelvies Meisterleistung besteht darin, die Musik und die damit verbundenen Empfindungen in eine Bildsprache zu übersetzen, die ganz sang- und klanglos zum Mitwippen motiviert. The Singles Club macht die Welt von Phonogram zugänglicher und zugleich komplexer, überzeugt als tanzbares Stück Poptheorie wie als Sammlung fesselnder Charakterstudien.

Vielleicht sollte Elvis Costello einfach mal einen Steppkurs besuchen, um seine Gedanken zur Architektur zu artikulieren.

Phonogram 1: Rue Britannia, von Kieron Gillen und Jamie McKelvie, Image Comics, 2007, 152 Seiten, schwarzweiß, $ 14.99.

Phonogram 2: The Singles Club, von Gillen, McKelvie und Matthew Wilson, Image Comics, 2010, 160 Seiten, farbig, $ 14.99.

Phonogram: The Immaterial Girl 1, von Gillen, McKelvie und Wilson, Image Comics, 12. August 2015, 22 Seiten, farbig, $ 3.99.

No comments: