Tuesday, December 22, 2015

Comic-Übersetzung 101

Ab und an erreichen mich Fragen von Schülern oder Studenten, wie man Comic-Übersetzer wird und wie Comics überhaupt übersetzt werden.

Ende 2013 habe ich einer Studentin auf Englisch Rede und Antwort gestanden, vor ein paar Wochen haben Schweizer Schüler mich um Auskunft gebeten. Hier meine Antworten. (Die Fragen habe ich paraphrasiert.)

Gibt es eine typische Laufbahn für Comic-Übersetzer?

Nicht, dass ich wüsste. Die Branche ist wohl zu klein, um diesen Berufsweg wirklich planen zu können. Unter meinen Kollegen gibt es durchaus studierte Übersetzer, aber auch das ist kein Muss, wenn man literarische oder belletristische Texte übersetzen will.

Im Comicbereich kommt hinzu, dass, von wenigen Verlagen abgesehen, die Honorare in vielen Fällen zu gering sind, um davon leben zu können. Darum sind viele Comic-Übersetzer Fans, die eine Ausbeutung durch sich selbst oder durch den Verlag in Kauf nehmen, um diese Arbeit machen zu können oder ihren Namen gedruckt zu sehen.

Wie wird man zum Comic-Übersetzer?

Ich bin Literaturwissenschaftler und habe während des Studiums angefangen, mich mit Comics auseinanderzusetzen, unter anderem auch in Texten für Fachmagazine. Irgendwann gab es die Anfrage eines Verlages, ob ich bereit wäre, mich als Comic-Übersetzer zu versuchen. Die Arbeit hat mich gereizt und machte auf Anhieb Spaß. Vom Verlag und von den Lesern gab es ebenfalls Zuspruch, also blieb ich dabei.

Muss man als Übersetzer bilingual sein?

Das kommt vor, trifft aber wohl nicht auf die Mehrheit zu. Entscheidend ist vor allem die Kenntnis der Zielsprache, weshalb professionelle Übersetzer in der Regel nur in ihre Muttersprache übersetzen.

Wie bekommen Übersetzer Aufträge? Arbeiten sie fest bei Verlagen?

Übersetzer sind üblicherweise Freiberufler und arbeiten auf Honorarbasis. Dass ein Comic-Übersetzer bei einem Verlag festangestellt wäre, ist mir nicht bekannt. Vielleicht gibt es aber Praktikanten, Volontäre oder festangestellte Redakteure, die neben ihrer eigentlichen Tätigkeit noch übersetzen.

Aufträge akquiriert man, indem man Kontakte knüpft. Einerseits ist das in der Comicbranche vergleichsweise einfach, da man gute Aussichten hat, mit zwei, drei Messebesuchen (auf dem Comic-Salon Erlangen, dem Comicfestival München oder der Frankfurter Buchmesse etwa) die meisten Redakteure kennenzulernen; andererseits ist es auch schwieriger, weil die Anzahl der zu vergebenden Aufträge begrenzt ist und die Verlage sich natürlich zuerst an jene Übersetzer halten, mit denen sie schon zusammengearbeitet haben.

Arbeiten Comic-Übersetzer mit den Autoren des Originals zusammen?

Das ist die Ausnahme, kommt aber vor. Es gibt Fälle, in denen ich ganz froh bin, den Autor des Originals erreichen zu können—etwa, wenn nicht klar ist, ob der Quelltext einen Fehler enthält. Normalerweise vertrete ich aber die Auffassung, dass es sich bei jeder Übersetzung notwendigerweise um die individuelle Interpretation des Übersetzers handelt, der diese nach bestem Wissen und Gewissen zu erstellen und zu verantworten hat.

Es gibt durchaus Literaturübersetzer, die intensiv mit dem Autor des Originals zusammenarbeiten. Im Comicbereich ist mir mindestens ein Kollege bekannt, dessen Arbeit an den Verlag des Originals geschickt, rückübersetzt, kontrolliert und gegebenenfalls geändert wird. Das wäre aber nichts für mich; die Kompetenzen sollten klar verteilt sein.

So reizvoll ich grundsätzlich den Gedanken finde, einmal gemeinsam mit dem Autor jeden Originalsatz dreimal umzudrehen, ehe ich zur Übersetzung schreite, so wenig praktikabel wäre das leider. Und selbst wenn, gäbe es immer noch viele Autoren, die gar kein Interesse daran hätten, an der Übersetzung in irgendeiner Weise mitzuwirken.

Letzten Endes ist ein Übersetzer allein mit seiner Arbeit (Lektorat und Korrektorat ausgenommen, siehe unten), und das gefällt mir auch ganz gut so.

Übersetzt man aus dem Kopf? Oder gibt es Hilfsmittel?

Je größer der Wortschatz und die Kenntnis über die betreffenden Sprachen und Kulturen von Quell- und Zielsprache, desto geringer der Rechercheaufwand. Trotzdem gehört Recherche in Wörterbüchern, Lexika und Suchmaschinen zum Alltag eines Übersetzers. Man kennt nicht jeden Fachbegriff, und nicht jedes passende Wort fliegt einem auf Anhieb zu. Es kommt regelmäßig vor, dass ich mich in den sprachlichen Kontext, in dem die Figuren sich bewegen, erst einlesen muss, um eine treffende Übersetzung zu finden.

Erhält man nur das Manuskript? Oder auch die Bilder?

Vorlage ist immer der ganze Comic.

Das ist auch enorm wichtig, denn der visuelle Aspekt ist bei Comics—anders als bei reinen Textvorlagen—essenziell. Zum einen muss der Text im Zusammenspiel mit den Bildern funktionieren; es wäre, um ein ganz einfaches Beispiel zu nennen, fatal, wenn die Übersetzung nicht zu Mimik oder Gestik der Figuren passen würde. Und zum anderen muss man sich immer bewusst sein, dass im Comic auch der Text selbst zum Bild gehört.

Comic-Autor Chris Ware etwa sagt von sich, er “schreibe mit Bildern”. Als Übersetzer greift man unweigerlich in diese Bilder ein, auch wenn man nur den Text verändert. Insofern ist es wichtig, dass die Wörter und Sätze, die man findet, auch grafisch die richtigen sind.

Wer schreibt den übersetzten Text in die Sprechblasen? Ist immer genug Platz in den Blasen?

Es gibt Comic-Übersetzer, die Verlagen ein “Komplettpaket” anbieten und gleichzeitig auch das Lettering (so nennt man den Text im Comic) übernehmen. Das ist aber die Ausnahme. Meistens wird die Übersetzung in einem gewöhnlichen Word-Dokument an den Verlag übermittelt, der sie dann an eigens dafür beauftragte Letterer weiterleitet.

Die Größe der Sprechblasen oder allgemein der Platz, der für den Text zur Verfügung steht, gehört natürlich zu den großen Herausforderungen der Comic-Übersetzung. Man muss nicht nur eine treffende Lösung für den Inhalt des Textes finden, sondern eine, die zudem in den dafür vorgesehenen Platz passt—und dabei auch grafisch noch möglichst gut aussieht.

Wird die Übersetzung vor dem Druck noch einmal geprüft?

Wie viele Prüfungsinstanzen es gibt, das variiert von Verlag zu Verlag und von Comic zu Comic. Bei allen Comics, die ich übersetze, arbeite ich mit einem Lektorat und/oder einem Korrektorat zusammen. Das heißt, ich erhalte von mindestens einer weiteren Person Rückmeldungen zu meinen Texten in Form von Korrekturen, Verständnisfragen und Änderungsvorschlägen.

Das ist mir sehr wichtig, weil ich selbst meistens so nah am Text bin, dass ich den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehe. Die Zusammenarbeit mit guten Lektoren und Korrektoren ist daher ein Segen und für eine gelungene Übersetzung unerlässlich.

(Leider gilt auch umgekehrt: Wenn eine sorgfältig recherchierte oder sprachlich aufwendige Textstelle ohne Rücksprache geändert wird, kann das kontraproduktiv und mitunter sehr ärgerlich sein. Glücklicherweise ist dieses Vorgehen aber die Ausnahme, zumindest bei professionellen Verlagen.)

Manchmal gibt es dann von der Redaktion noch Rückmeldungen, teilweise gehe ich auch selbst mit etwas Abstand noch einmal den kompletten Text durch. Und oft sieht man erst am geletterten Comic, ob eine Übersetzung funktioniert. Daher schaue ich mir auch den gerne noch einmal in digitaler Form durch, wenn die Möglichkeit dazu besteht, um den letzten Feinschliff vorzunehmen.

Es können also—einschließlich mir selbst—zwei bis vier Personen sein, die eine Übersetzung lesen, bei insgesamt zwei bis sechs Korrekturgängen, ehe der Comic in den Druck geht.

Wie lange dauert eine Comic-Übersetzung?

Das lässt sich schon bei reinen Textübersetzungen schwer sagen, denn es kommt immer auf den Schwierigkeitsgrad an. Wie anspruchsvoll ist die Sprache? Wie viele Vokabeln und Fachgebiete muss ich recherchieren? Kommen viele Wortspiele, Reime oder Anspielungen vor?

Bei Comics ist es noch schwerer, eine Aussage zu treffen, weil die Textmenge von Comic zu Comic und von Seite zu Seite sehr stark variieren kann. Zudem können andere Faktoren den Aufwand stark beeinflussen. Wie ist der Text grafisch in die Seite eingebunden? Auf wie viele Stellen ist er verteilt? Wie knapp ist der dafür zur Verfügung stehende Platz bemessen?

Manchmal übersetzt man in einer Stunde zehn Comicseiten, manchmal nur eine halbe. Das kommt ganz auf das Quellmaterial an.

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