Saturday, April 29, 2017

Mit Karacho durch die Kirbymauer: Die Superheldencomics von Michel Fiffe

Die derzeit beste und aufregendste US-Superheldenserie erscheint weder bei einem der Genre-Giganten Marvel und DC, noch bei Dark Horse oder Image. Sie heißt Copra, ist zunächst auf zwölf monatlich erscheinende Hefte angelegt und wird seit November 2012 von der New Yorker Ein-Mann-Comic-Maschine Michel Fiffe produziert.

Schon äußerlich ist Copra eine Wucht: 24 knallbunte, stabile Kartonseiten samt noch dickerem Schutzumschlag, die sich gut anfassen, den Sehnerv stimulieren und das labberige, digital gefärbte Hochglanzeinerlei der großen Verlage vergessen machen.

Michel Fiffe schreibt, zeichnet und tuscht Copra im Alleingang. Bei der Kolorierung verwendet er Wasserfarben, Buntstifte, Kulis und was er sonst so findet, seine Blasen sprechen lange, bevor man ihren Inhalt liest. Die Helden selbst sind Draufgänger, Halsabschneider und Schlitzohren, die an das Dreckige Dutzend oder das A-Team erinnern, die Schurken wirken wie personifizierte Komposita aus einem Ersatzteillager für Kuriositäten, wandelnde Avantgarde-Albträume aus rohen Muskelsträngen und freiliegender Hirnmasse, geometrischen Singularitäten und aberwitzigen Glas- und Metallkonstrukten, mit triefenden Körpersäften und in extravaganten Kitsch gehüllt.

An das achtköpfige Copra-Team, das anfangs vorgestellt wird, braucht man sich gar nicht erst zu gewöhnen, denn keine der Hauptfiguren ist vor einem plötzlichen Ableben gefeit. Inhaltlich geht es vor allem um das Spektakel von Superhelden-Kampfszenen. Ob schnöder Kugelhagel oder bizarre Zauberei, brachiale Gewalt oder futuristische Wundertechnik, graziöse Nahkämpfe oder Massenvernichtungswaffen: Wenn etwas zu visuell opulenten Superschlachten taugt, dann kommt es es in Copra vor—und sieht verdammt gut aus.

Fiffes Lust, eigene Wege der Darstellung zu finden, ist auf jeder Seite spürbar. Dabei weiß er aber auch das Tempo zu variieren. Gelegenheit zum Durchatmen erhalten die Helden erstmals in Heft 7, das mit einem simplen, ruhigen Seitenaufbau längere Einblicke ins Innenleben der Figuren gestattet. In der Folgenummer geht es dafür umso wilder zu; Copra 8 ist ein visueller und erzählerischen Parforceritt, von dem Grant Morrison noch seinen Enkeln erzählen wird.

Aus seinen Einflüssen macht Fiffe keinen Hehl. Ähnlich wie Planetary oder Astro City ist Copra mit Archetypen bevölkert. Insbesondere die Ende der 1980er von John Ostrander und Luke McDonnell geprägte DC-Reihe Suicide Squad dient Fiffe dafür als Blaupause. Als eine Art Testballon veröffentlichte er im Frühjahr 2012 den Suicide-Squad-Fancomic Deathzone!, und auch in Copra finden sich etwa Hommagen an die Figuren Deadshot und Amanda Waller. Der visuelle Stil von Copra ist gespickt mit Zitaten von Fiffes Lieblingszeichnern: McDonnell natürlich, außerdem Frank Miller und Klaus Janson, Walt Simonson und Keith Giffen, John Romita jr., Trevor von Eeden, Erik Larsen, Rick Leonardi und Kyle Baker, und und und.

Eine ganz besondere Beziehung pflegt Fiffe derweil mit Steve Ditko, denn die beiden unterhalten seit mehr als 15 Jahren einen regen Briefwechsel. Fiffe bezeichnet den sehr zurückgezogen lebenden Altmeister als einen „Anti-Mentor“, mit dem er selten einer Meinung ist, der ihn aber als Mensch wie als Künstler entscheidend inspiriert. In Copra findet man nicht zufällig zwei Hauptfiguren, die Doctor Strange und Clea nachempfunden sind. (Sehr unterhaltsam liest sich auch ein Blogeintrag auf Fiffes Webseite, der seine erste und bislang einzige Begegnung mit Ditko schildert.)

Und wo Superhelden sind, da ist Jack Kirby natürlich nicht fern. Im Fall von Copra macht sich dies vor allem in der Philosophie bemerkbar, die hinter dem Comic steht. Michel Fiffe ist beileibe nicht der erste, der selbstgemachte Comics in Mini-Auflage verkauft. Aber er hat sich dafür bewusst einen strammen Zeitplan auferlegt, um annähernd die Spontaneität nachzuvollziehen, auf die Kirby bei seiner heute nur noch sehr schwer vorstellbaren Produktionsgeschwindigkeit angewiesen war.

„Breaking the Kirby Barrier“ nennt Fiffe das—die „Kirbymauer“ durchbrechen. Das geht so: Die erste Woche eines Copra-Zyklus veranschlagt Fiffe für Plot, grobe Layouts, Dialoge und Lettering. In den nächsten eineinhalb Wochen folgen Bleistift- und Tuschezeichnungen, danach etwa eine Woche Kolorieren und Einscannen, bevor der fertige 24-Seiten-Comic in den Druck geht. Schließlich gilt es zu werben, zu verkaufen, Rechnungen zu schreiben, Zuschriften zu beantworten und Interviews zu geben.

Dann geht alles wieder von vorne los. Fiffe betont, dass er Arbeitsschritte wie das eigenhändige Verschicken der Hefte als unabdingbaren Teil seines künstlerischen Prozesses begreift. „Das bin alles ich“, sagt er in einem Interview mit Comics Alliance. „Es ist dieselbe Stimme, dieselbe Ästhetik, und ich versuche, alles mit demselben Maß an Respekt zu behandeln. Ich will das nicht einen anonymen Angestellten machen lassen, oder sonstwen.“

Und, na ja, es funktioniert. Copra knistert förmlich vor kreativer Energie und wirkt spontan wie kaum ein anderer Genre-Comic, ist aber gleichzeitig unverkennbar aus einem Guss. Wer Comics wie Morrisons Doom Patrol, Ellis’ und Immonens Nextwave oder eben Suicide Squad mochte, der wird auch an Copra seine Freude haben.

Und pro Ausgabe mehrmals den Mund nicht zu bekommen, wenn Michel Fiffe wieder einmal durch die Kirbymauer kracht.


Eine Fassung dieses Textes erschien 2013 im Comic-Fachmagazin Alfonz

Thursday, April 27, 2017

„Ich hab’s jedes Mal bereut“: Ed Brubaker über Verlage, Superhelden und Urheberrechte

Pünktlich zum 20. Geburtstag von Image Comics kehren erneut viele Comicschaffende Marvel und DC den Rücken. Im Interview spricht Ed Brubaker über seinen Abschied von Marvel, die Renaissance der „Creator-Owned“-Comics und das neue Selbstbewusstsein der Kreativen.

Das Konzept des Verlags Image Comics ist simpel: Urheber sollen selbst über ihre Werke verfügen können, mit allen positiven und negativen Begleiterscheinungen. Wer bei Image veröffentlicht, erhält kein Honorar und muss selbst für den Druck aufkommen, der Verlag behält außerdem pro Veröffentlichung eine vierstellige Pauschale aus den Umsätzen ein, um seine Fixkosten abzudecken. Im Gegenzug beansprucht Image—anders als etwa Marvel oder DC—weder Rechte am veröffentlichten Material noch eine weitergehende Beteiligung im Erfolgsfall. Das Modell lässt Urhebern also alle Trümpfe, birgt aber auch ein gewisses Risiko.

Eine beeindruckende Zahl hochkarätiger Comicschaffender will das Image-Modell nun erstmals oder erneut in Anspruch nehmen. Zu etablierten Image-Größen wie Robert Kirkman, Joe Casey und Jonathan Hickman stoßen 2012 unter anderem Brian K. Vaughan, Greg Rucka, Michael Lark, Bryan Hitch, Matt Fraction, Howard Chaykin, Brian Wood, J. Michael Straczynski und Grant Morrison. Seit seiner Gründung 1992 konnte sich Image keiner solchen Beliebtheit unter Kreativen aus der ersten Reihe erfreuen.

Auch Ed Brubaker ist einer von ihnen. Nachdem er sich zunächst bei DC mit Batman, Catwoman, Gotham Central und Sleeper einen Namen gemacht hatte und dann als Autor von Serien wie Captain America, Daredevil und Winter Soldier acht Jahre lang zu den Aushängeschildern von Marvel gehörte, bricht Brubaker nun seine Zelte bei den beiden Superhelden-Großverlagen ab. Mit seiner Horrorserie Fatale, gezeichnet von Sean Phillips, ist er einer der Vorreiter der neuen Riege von Image-Autoren.

MARC-OLIVER FRISCH: Ed, ich war überrascht, dass Fatale nicht wie zuvor Criminal und Incognito bei Marvels Icon-Label erscheint, sondern bei Image. Wieso der Wechsel?

ED BRUBAKER: Vor allem, weil ich Eric und Kirkman [Eric Stephenson und Robert Kirkman von Image] versprochen hatte, etwas bei ihnen herauszubringen. Ich wollte es mal mit Image versuchen und sehen, wie’s läuft. Icon ist großartig—und man sollte nie vergessen, dass es so etwas wie Icon, wo Autoren die Rechte und das Sagen haben, bei DC nicht gibt. Aber Icon ist nur ein kleiner Teil der Marvel-Maschinerie, und ich wollte wissen, ob es einen Unterschied macht, bei einem Verlag zu sein, dessen Hauptaugenmerk auf „Creator-Owned“-Sachen liegt.

FRISCH: Und? Macht es einen Unterschied?

BRUBAKER: Ja, sicher. Wir sind in der ersten Woche des Jahres gestartet, und ich weiß auch nicht so recht, was los ist, aber wir scheinen genau den Moment erwischt zu haben, in dem Image als Verlag kritische Masse erreichte. Offenbar waren wir zur rechten Zeit am rechten Ort. Es scheint, als würden Leser und Händler Image nun eher wahrnehmen als noch vor ein paar Jahren. Wir haben Fatale 1 viermal nachdrucken lassen und inzwischen um die 42.000 Hefte verkauft. Es wäre noch mehr drin gewesen, aber dann stand schon der Sammelband an. Ich höre auch von vielen neuen Lesern, die mich und Sean jetzt erst entdecken.

FRISCH: Kommerziell erfolgreiche Eigenproduktionen waren bisher ja eher Glücksfälle auf dem US-Markt. Ändert sich da gerade etwas?

BRUBAKER: Ich glaube schon, ja. Es ist wohl immer noch schwer, aber wenn du etabliert bist, scheint sich etwas zu tun. Saga, Fatale oder Hickmans neue Serien verkaufen sich alle viel besser, als wir je gedacht hätten. Ich gehe davon aus, dass Morrisons neuer Comic auch ein Riesenerfolg wird, genau wie einige andere Image-Serien, die in den Startlöchern stehen. Image scheint gerade einen Lauf zu haben. Mehr und mehr große Namen wollen dort ihre Projekte umsetzen, und diesmal sind noch größere Namen dabei. Also haben sie plötzlich eine Fülle an qualitativ hochwertigen Alternativen für den Comicmarkt am Start.

FRISCH: Nicht nur Image blüht gerade auf, auch bei Dark Horse und anderswo erscheinen in den letzten Monaten mehr „Creator-Owned“-Comics, und gleichzeitig entstehen digitale Plattformen dafür, wie Thrillbent oder MonkeyBrain. Steht der US-Markt vor einem Paradigmenwechsel?

BRUBAKER: Irgendwie hab ich tatsächlich den Eindruck. Aber mal abwarten, wie’s in einem Jahr aussieht. Es gibt solche Verschiebungen von Zeit zu Zeit, wie damals, als Image gegründet wurde. Das ist ganz interessant. Was ich immer schon merkwürdig fand: In den Vierzigern, als sich Superhelden nicht mehr verkauften, versuchten die Verlage es einfach mit anderen Genres, und dann kamen eben Schnulzen und Horror ganz groß raus. Aber später dann hat die Branche so einen Spurwechsel irgendwie nicht mehr hinbekommen. Und momentan stellen wir gerade fest, dass die Händler gegenüber neuen Comics empfänglicher sind, glaube ich, auch gegenüber Sachen außerhalb des Superhelden-Genres. Es ist sehr aufregend zu sehen, wie gut The Walking Dead und Saga und Chew laufen, oder dass Locke & Key sich mit jeder neuen Miniserie besser verkauft.

FRISCH: DC hatte mal einen gewissen Ruf für Comics, bei denen Autoren zumindest einen Teil ihrer Rechte behalten konnten—speziell bei Vertigo, wo Sie früher auch publiziert haben. Ist das eine Option, die aktuell für Sie interessant wäre?

BRUBAKER: Ich mag die Leute bei Vertigo, und das war ja gewissermaßen auch mein Einstieg. Aber ich bin jetzt an einem Punkt, wo ich meine Rechte und die Kontrolle über meine Sachen nicht mehr teilen will. Vertigo hat Vorteile, die zahlen dir vorweg ein Seitenhonorar, und sie bringen einige meiner Lieblingscomics heraus. Aber man gibt dort seine Rechte aus der Hand. Ich verstehe nicht, wieso in dieser Branche alle glauben, sie müssten ihre Rechte abtreten, weil ihnen jemand ein Honorar zahlt. Romanautoren kriegen ja auch einen Vorschuss für ihre Bücher, und ihre Verlage wollen dafür auch nicht am Copyright beteiligt werden oder sämtliche Medienrechte einstreichen. Das Standardargument der Comicverlage ist, „Wir tragen das Risiko“, aber die meisten Comics haben sich ja schon vor dem Druck amortisiert.

FRISCH: Woran ist die Einführung eines solchen Modells, wie es bei richtigen Verlagen üblich ist, bislang gescheitert?

BRUBAKER: An Traditionen wahrscheinlich. Die Comicbranche ist aus Groschenroman-Verlagen entstanden. Dort ist das von Anfang an Standard gewesen: Man streicht ein Seitenhonorar ein und tritt dafür fast alle Rechte ab. Und hey, klar ist das toll, wenn du einen Lohn dafür bekommst, ein Projekt umzusetzen, das dir am Herzen liegt. Und viele haben auch kein Problem damit, ihre Rechte zu teilen. Hatte ich ja auch nicht, zu Beginn meiner Karriere. Aber hinterher hab ich’s jedes Mal bereut. Jetzt bin ich in der glücklichen Position, das nicht nötig zu haben.

FRISCH: Sie sagten neulich, Ihr „Tank“ sei „so gut wie leer“, was Superhelden-Storys angeht. Bezieht sich das rein auf das Genre oder auch auf die verschiedenen Bedingungen, an die Marvel- oder DC-Comics geknüpft sind?

BRUBAKER: In erster Linie meine ich die Idee, dass sich Leute Masken überstülpen und andere Leute verprügeln, um Probleme zu lösen. Das ist einfach nicht das, worüber ich schreiben will.

FRISCH: Seit 1999 sind Sie ununterbrochen für DC und Marvel tätig gewesen. Wie ordnen Sie diese 13 Jahre Ihrer Karriere rückblickend ein?

BRUBAKER: Von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, bin ich während dieser Zeit erstaunlich gut behandelt worden. Auftragsarbeiten an sich sind nichts Schlechtes. Man kann daran seinen Spaß haben und sehr gut davon leben. Bei mir ist es nur so, dass mich die damit verbundenen Abläufe und der ständige Zeitdruck schon länger schlauchen. Und ich würde auch gerne viele Ideen—für Comics und andere Medien—umsetzen, die mit Superhelden nichts zu tun haben. Vielleicht gibt’s ja einfach eine innere Stimme, die dir ein gewisses Pensum an Auftragsarbeiten zugesteht und dann sagt, „Okay, das reicht, jetzt geh und mach dein eigenes Ding.“


Das Interview wurde im August 2012 per E-Mail geführt. Eine Fassung erschien 2012 im Comic-Fachmagazin Alfonz.

Wednesday, April 26, 2017

„Gangster-Moral“: Wie die US-Verlage Marvel und DC mit Urhebern umgehen

Es rumort im amerikanischen Comicbetrieb.

Alan Moore, der Comics wie Watchmen, V for Vendetta und From Hell geschrieben hat, unterstellt den großen Verlagen Gangster-Methoden. Autoren verkünden, aus Solidarität mit Moore nicht mehr für Marvel oder DC arbeiten zu wollen, Händler und Kritiker schließen sich dem Boykott an. Stan Lee, der nette alte Grüßonkel der Branche, muss sich auf einmal unangenehme Fragen von Medienvertretern gefallen lassen, Michael Chabon veröffentlicht gar eine traurige und wenig schmeichelhafte Kurzgeschichte über ihn. Und viele namhafte Comicschaffende beginnen offenbar, sich bei der Wahl ihrer Verlage von Marvel und DC weg zu orientieren.

Was ist da los? Dass die US-Verlage Marvel oder DC nicht immer großzügig mit den Vätern ihres Erfolgs umgegangen sind, ist nicht erst seit gestern bekannt. Der Superman-Deal von 1938, bei dem Jerry Siegel und Joe Shuster ihre Figur für die lächerliche Summe von 130 Dollar an National Publications, den Vorläufer von DC, abtraten, wird gerne als die „Erbsünde“ der Branche bezeichnet. Der Rechtsstreit der Siegels und Shusters mit dem Verlag tobt bis heute, obwohl Jerry und Joe längst verstorben sind.

Und seither kamen viele andere geprellte Urheber hinzu.

Zwar gab es immer auch tüchtige Geschäftsleute wie Bob Kane, Will Eisner oder Stan Lee, die tunlichst darauf achteten, ihre Rechte gar nicht oder nur sehr teuer zu verkaufen, doch sie blieben in der Minderzahl. Es sind eher die Siegels und die Shusters, die Joe Simons und Jack Kirbys, die Bill Fingers, die Steve Gerbers oder Alan Moores, die das Bild bestimmen, um nur einige der Vordenker und Visionäre der Marvel- und DC-Welten zu nennen, deren Lebensläufe von tiefen Zerwürfnissen mit den Verlagen geprägt sind.

Dass die Debatte darüber gerade jetzt hochkocht, hat mehrere Gründe. Ein wesentlicher ist, dass sich DC nach langer Zurückhaltung nun doch entschlossen hat, den Figuren aus Alan Moores und Dave Gibbons’ Watchmen eine neue Reihe von Comics zu widmen. Gerüchte über das Projekt hatte es schon länger gegeben, Anfang Februar ließ man dann die Katze aus dem Sack: Before Watchmen wird kommen, ob Alan Moore nun will oder nicht.

Die Antwort Moores, der sich nach wie vor als moralischen Rechteinhaber von Watchmen in der europäischen, im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten unveräußerlichen Tradition des Urheberrechts sieht, ließ nicht lange auf sich warten. Er nutzte eine ganze Reihe von Interviews, um seinem Unmut Luft zu machen. In der BBC-Sendung Hardtalk etwa bezichtigte er die gesamte US-Branche einer „Gangster-Moral“, die sich von der ihrer Gründer 70 Jahre zuvor nicht unterscheide. Watchmen sei überhaupt nur bei DC entstanden, so Moore, weil man ihm und Miturheber Gibbons damals zugesichert habe, die Rechte würden nach einem gewissen Zeitraum an sie zurückfallen.

Allerdings sollte die entsprechende Klausel erst in Kraft treten, wenn die Comics vergriffen wären und nicht mehr nachgedruckt würden. Da Nachdrucke von Comicheften oder gar Veröffentlichungen in Buchform Mitte der 1980er Jahre noch eine extreme Ausnahme waren, konnten Moore und Gibbons davon ausgehen, bald die alleinigen Rechteinhaber zu sein.

Die bittere Ironie: Watchmen wurde zu einem der erfolgreichsten Comics überhaupt, trug entscheidend dazu bei, Comic-Nachdrucke in Buchform in den USA zu etablieren und wird seit nun beinahe 30 Jahren ununterbrochen nachgedruckt. Moore und Gibbons erhalten von DC zwar Tantiemen für ihr Werk, bleiben aber qua Vertrag enteignet.

Moore erkennt an, seinen Kontrakt „wohl nicht sorgfältig genug gelesen“ zu haben, sieht sich als Urheber aber gleichsam getäuscht: Der Verlag habe seine vorherigen mündlichen Zusagen an ihn und Gibbons nicht eingehalten. Und Moores Überzeugung nach machen sich nun alle an den neuen Watchmen-Comics Beteiligten—inklusive der Leserschaft—zu Erfüllungsgehilfen eines skrupellosen Konzerns, der die Rechte von Urhebern mit Füßen tritt.

Sofort entbrannten—für DC sicher nicht ganz unerwartet—heftige Diskussionen über die moralischen und juristischen Dimensionen von Before Watchmen. Die Situation scheint verfahren; DC sieht sich juristisch im Recht, Moore nach moralischen Gesichtspunkten. Und nach allem, was über den damaligen Vertrag und die Begleitumstände der Unterzeichnung bekannt ist, sind die Standpunkte beider Parteien auf ihre Weise nachvollziehbar.

Die Frage, die sich im Umgang mit Before Watchmen stellt, ist, was am Ende schwerer wiegt: die juristischen Argumente eines Verlagsgiganten, der seinen Gewinn maximieren will? Oder die berechtigten ethischen Einwände eines Autors, der vor 30 Jahren wohl zu arglos war?

Eine ähnliche Kontroverse, die schon viel länger schwelt und noch um einiges vertrackter ist, entzündete sich Anfang Februar am neuen Kinofilm The Avengers. Hier war es James Sturm, Leiter einer renommierten US-Comicschule, der seine ethischen Bedenken vorbrachte. Im Magazin Slate erläutert er, wieso er Marvels Umgang mit dem 1994 verstorbenen Jack Kirby, der die meisten Figuren in The Avengers zusammen mit Stan Lee geschaffen hat, für moralisch verwerflich hält. Sturm verweist auf die Worte seines Kollegen Seth, der Marvel und Stan Lee der Lüge über Kirbys Leistungen beschuldigt. „Was der Marvel-Konzern hier tut, mag vielleicht rechtens sein“, so Seth weiter, „aber richtig ist es nicht.“

Ebenfalls Anfang Februar erschien in der Kulturzeitschrift New Yorker die Kurzgeschichte „Citizen Conn“ von Michael Chabon, die das menschliche Drama zwischen Lee—der auch im wahren Leben immer sich selbst für den wahren Schöpfer aller frühen Marvel-Figuren gehalten hat—und Kirby in zart fiktionalisierter Form aufgreift.

Nur wenige Wochen später wurde Lee, wie immer fleißig die Werbetrommel für Marvels Hollywood-Produktionen rührend, unvermittelt auf das Fehlen von Kirbys Namen im Abspann des Films The Avengers angesprochen.

Der sonst um keine Auskunft verlegene Marvel-Onkel zeigte sich verdutzt. „Ich weiß nicht, was ich darauf sagen soll“, so Lee. „In welcher Form sollte da sein Name auftauchen?“ Es wirkte wie eine bittere, nachgeschobene Pointe auf den Artikel Sturms und die Kurzgeschichte Chabons. Die Äußerung war typisch dafür, wie Lee die Beiträge seiner Miturheber Jack Kirby und Steve Ditko Jahrzehnte lang kleingeredet hatte.*

Auch ein Rechtsstreit, den Gary Friedrich, ein Mitschöpfer der Marvel-Figur Ghost Rider, angestrengt hatte, erreichte im Februar seinen Höhepunkt: Das Gericht urteilte nicht nur, dass Friedrich keine Ansprüche habe, sondern verdonnerte den inzwischen verarmten und kranken Mann auch zu einer Zahlung von 17.000 Dollar an Marvel, nachdem er sich in Eigenregie mit Ghost-Rider-Artikeln über Wasser halten wollte.*

Was juristisch eine klare Sache zu sein schien, warf erneut moralische Fragen auf. Wäre ohne Friedrich ein profitabler Ghost-Rider-Film mit Nicolas Cage möglich gewesen? Muss der Mann für seine doch eher bescheidenen Versuche, am Erfolg seiner Figur teilhaben zu können, nun auch noch bestraft werden? Auch die gerichtliche Auseinandersetzung der Siegel-Erben mit DC erregte in den letzten Monaten durch neue Entscheidungen in Teilaspekten des Verfahrens wieder mehr Aufmerksamkeit.

Mitte April veröffentlichte Kritiker David Brothers einen Kommentar mit dem Titel „Die verkommene Moral von Before Watchmen und The Avengers, in dem er sachlich und ausführlich darlegt, wieso er künftig Comics und andere Produkte von Marvel und DC meiden wolle. „Mir ist das Fehlverhalten beider Firmen zu bewusst“, schreibt Brothers, „als dass ich sie weiterhin unterstützen könnte, ohne mich dabei schlecht und mitschuldig zu fühlen an ihren ausbeuterischen und ungerechten Praktiken.“

Der Text schlug in der Branche ein wie eine Bombe.

Binnen Tagesfrist teilte DC-Autor Chris Roberson öffentlich mit, dass er aus moralischen Erwägungen nicht mehr mit dem Verlag zusammenarbeiten wolle. „Ich kann meine eigenen Prinzipien nicht mehr mit dem Handeln des Verlags vereinbaren“, schreibt Roberson. Er verweist ausdrücklich nicht nur auf DCs Umgang mit Alan Moore und den Erben Jerry Siegels sowie Marvels Verhalten Jack Kirby gegenüber, sondern auch auf Brothers’ Kommentar.

Das Problem, so scheint es, brennt vielen unter den Nägeln. Bei den Fans gibt es zwar offenbar viele Anhänger der Verlage, die am Gebaren Marvels und DCs nichts Verwerfliches sehen wollen oder denen Urheberrechtsfragen schlicht gleichgültig sind, doch in einer Umfrage des Online-Magazins Comic Book Resources gaben immerhin 56% der über 3.000 Teilnehmer an, dass sie durch die Kontroverse um Before Watchmen inzwischen weniger geneigt seien, die ab Juni erscheinenden Comics zu kaufen.

Tucker Stone, Kritiker und Geschäftsführer der renommierten Brooklyner Comic-Handlung Bergen Street Comics, erklärte, sein Laden werde Before Watchmen aufgrund ethischer Erwägungen boykottieren. „Wir lassen Geld liegen“, sagte Stone. „Wir verlieren wahrscheinlich auch Kunden.“ Das ändere jedoch nichts an der Entscheidung. „Das ist einfach eklig, und wir wollen nichts damit zu tun haben“, so Stone über DCs Umgang mit Alan Moore.

Der Independent-Verlag Image indes kündigte im Februar einen ganzen Erdrutsch neuer Comics von Autoren an, die man vor ein paar Jahren wohl noch bei Marvel- oder DC-Labels wie Icon, Vertigo oder WildStorm gesehen hätte. Image, 1992 von einer Gruppe Zeichner gegründet, die sich nicht mehr von Marvel und DC bevormunden und enteignen lassen wollten, beansprucht für sich keinerlei Beteiligung am Urheberrecht seiner Autoren.

Mit einer baldigen Lösung der Konflikte zwischen Verlags- und Urheberinteressen ist nicht zu rechnen, auch wenn die offenen Bekenntnisse der letzten Wochen und Monate befreiende Wirkung zu haben scheinen. Man spürt einerseits Erleichterung darüber, dass eine Thematik, die viele seit Jahrzehnten beschäftigt, nicht länger totgeschwiegen wird. Gleichzeitig wird jedoch auch deutlich, dass es sich um eine grundlegende Frage handelt, die sich nicht allein auf juristischer Ebene wird klären lassen.

* Nachtrag, Mai 2017: Inzwischen hat sich Marvel mit Gary Friedrich und mit den Erben Jack Kirbys außergerichtlich geeinigt, ebenso wie mit der Familie des Rocket-Raccoon-Erfinders Bill Mantlo. Im Rechtsstreit zwischen DC Comics und den Erben der Superman-Schöpfer Jerry Siegel und Joe Shuster hatte zuletzt der Verlag Recht bekommen. Die Watchmen-Figuren verwertet DC inzwischen auch in anderen Comics, ungeachtet der Einwände Moores.


Eine Fassung dieses Textes erschien 2012 im Comic-Fachmagazin Alfonz.