Wednesday, April 26, 2017

„Gangster-Moral“: Wie die US-Verlage Marvel und DC mit Urhebern umgehen

Es rumort im amerikanischen Comicbetrieb.

Alan Moore, der Comics wie Watchmen, V for Vendetta und From Hell geschrieben hat, unterstellt den großen Verlagen Gangster-Methoden. Autoren verkünden, aus Solidarität mit Moore nicht mehr für Marvel oder DC arbeiten zu wollen, Händler und Kritiker schließen sich dem Boykott an. Stan Lee, der nette alte Grüßonkel der Branche, muss sich auf einmal unangenehme Fragen von Medienvertretern gefallen lassen, Michael Chabon veröffentlicht gar eine traurige und wenig schmeichelhafte Kurzgeschichte über ihn. Und viele namhafte Comicschaffende beginnen offenbar, sich bei der Wahl ihrer Verlage von Marvel und DC weg zu orientieren.

Was ist da los? Dass die US-Verlage Marvel oder DC nicht immer großzügig mit den Vätern ihres Erfolgs umgegangen sind, ist nicht erst seit gestern bekannt. Der Superman-Deal von 1938, bei dem Jerry Siegel und Joe Shuster ihre Figur für die lächerliche Summe von 130 Dollar an National Publications, den Vorläufer von DC, abtraten, wird gerne als die „Erbsünde“ der Branche bezeichnet. Der Rechtsstreit der Siegels und Shusters mit dem Verlag tobt bis heute, obwohl Jerry und Joe längst verstorben sind.

Und seither kamen viele andere geprellte Urheber hinzu.

Zwar gab es immer auch tüchtige Geschäftsleute wie Bob Kane, Will Eisner oder Stan Lee, die tunlichst darauf achteten, ihre Rechte gar nicht oder nur sehr teuer zu verkaufen, doch sie blieben in der Minderzahl. Es sind eher die Siegels und die Shusters, die Joe Simons und Jack Kirbys, die Bill Fingers, die Steve Gerbers oder Alan Moores, die das Bild bestimmen, um nur einige der Vordenker und Visionäre der Marvel- und DC-Welten zu nennen, deren Lebensläufe von tiefen Zerwürfnissen mit den Verlagen geprägt sind.

Dass die Debatte darüber gerade jetzt hochkocht, hat mehrere Gründe. Ein wesentlicher ist, dass sich DC nach langer Zurückhaltung nun doch entschlossen hat, den Figuren aus Alan Moores und Dave Gibbons’ Watchmen eine neue Reihe von Comics zu widmen. Gerüchte über das Projekt hatte es schon länger gegeben, Anfang Februar ließ man dann die Katze aus dem Sack: Before Watchmen wird kommen, ob Alan Moore nun will oder nicht.

Die Antwort Moores, der sich nach wie vor als moralischen Rechteinhaber von Watchmen in der europäischen, im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten unveräußerlichen Tradition des Urheberrechts sieht, ließ nicht lange auf sich warten. Er nutzte eine ganze Reihe von Interviews, um seinem Unmut Luft zu machen. In der BBC-Sendung Hardtalk etwa bezichtigte er die gesamte US-Branche einer „Gangster-Moral“, die sich von der ihrer Gründer 70 Jahre zuvor nicht unterscheide. Watchmen sei überhaupt nur bei DC entstanden, so Moore, weil man ihm und Miturheber Gibbons damals zugesichert habe, die Rechte würden nach einem gewissen Zeitraum an sie zurückfallen.

Allerdings sollte die entsprechende Klausel erst in Kraft treten, wenn die Comics vergriffen wären und nicht mehr nachgedruckt würden. Da Nachdrucke von Comicheften oder gar Veröffentlichungen in Buchform Mitte der 1980er Jahre noch eine extreme Ausnahme waren, konnten Moore und Gibbons davon ausgehen, bald die alleinigen Rechteinhaber zu sein.

Die bittere Ironie: Watchmen wurde zu einem der erfolgreichsten Comics überhaupt, trug entscheidend dazu bei, Comic-Nachdrucke in Buchform in den USA zu etablieren und wird seit nun beinahe 30 Jahren ununterbrochen nachgedruckt. Moore und Gibbons erhalten von DC zwar Tantiemen für ihr Werk, bleiben aber qua Vertrag enteignet.

Moore erkennt an, seinen Kontrakt „wohl nicht sorgfältig genug gelesen“ zu haben, sieht sich als Urheber aber gleichsam getäuscht: Der Verlag habe seine vorherigen mündlichen Zusagen an ihn und Gibbons nicht eingehalten. Und Moores Überzeugung nach machen sich nun alle an den neuen Watchmen-Comics Beteiligten—inklusive der Leserschaft—zu Erfüllungsgehilfen eines skrupellosen Konzerns, der die Rechte von Urhebern mit Füßen tritt.

Sofort entbrannten—für DC sicher nicht ganz unerwartet—heftige Diskussionen über die moralischen und juristischen Dimensionen von Before Watchmen. Die Situation scheint verfahren; DC sieht sich juristisch im Recht, Moore nach moralischen Gesichtspunkten. Und nach allem, was über den damaligen Vertrag und die Begleitumstände der Unterzeichnung bekannt ist, sind die Standpunkte beider Parteien auf ihre Weise nachvollziehbar.

Die Frage, die sich im Umgang mit Before Watchmen stellt, ist, was am Ende schwerer wiegt: die juristischen Argumente eines Verlagsgiganten, der seinen Gewinn maximieren will? Oder die berechtigten ethischen Einwände eines Autors, der vor 30 Jahren wohl zu arglos war?

Eine ähnliche Kontroverse, die schon viel länger schwelt und noch um einiges vertrackter ist, entzündete sich Anfang Februar am neuen Kinofilm The Avengers. Hier war es James Sturm, Leiter einer renommierten US-Comicschule, der seine ethischen Bedenken vorbrachte. Im Magazin Slate erläutert er, wieso er Marvels Umgang mit dem 1994 verstorbenen Jack Kirby, der die meisten Figuren in The Avengers zusammen mit Stan Lee geschaffen hat, für moralisch verwerflich hält. Sturm verweist auf die Worte seines Kollegen Seth, der Marvel und Stan Lee der Lüge über Kirbys Leistungen beschuldigt. „Was der Marvel-Konzern hier tut, mag vielleicht rechtens sein“, so Seth weiter, „aber richtig ist es nicht.“

Ebenfalls Anfang Februar erschien in der Kulturzeitschrift New Yorker die Kurzgeschichte „Citizen Conn“ von Michael Chabon, die das menschliche Drama zwischen Lee—der auch im wahren Leben immer sich selbst für den wahren Schöpfer aller frühen Marvel-Figuren gehalten hat—und Kirby in zart fiktionalisierter Form aufgreift.

Nur wenige Wochen später wurde Lee, wie immer fleißig die Werbetrommel für Marvels Hollywood-Produktionen rührend, unvermittelt auf das Fehlen von Kirbys Namen im Abspann des Films The Avengers angesprochen.

Der sonst um keine Auskunft verlegene Marvel-Onkel zeigte sich verdutzt. „Ich weiß nicht, was ich darauf sagen soll“, so Lee. „In welcher Form sollte da sein Name auftauchen?“ Es wirkte wie eine bittere, nachgeschobene Pointe auf den Artikel Sturms und die Kurzgeschichte Chabons. Die Äußerung war typisch dafür, wie Lee die Beiträge seiner Miturheber Jack Kirby und Steve Ditko Jahrzehnte lang kleingeredet hatte.*

Auch ein Rechtsstreit, den Gary Friedrich, ein Mitschöpfer der Marvel-Figur Ghost Rider, angestrengt hatte, erreichte im Februar seinen Höhepunkt: Das Gericht urteilte nicht nur, dass Friedrich keine Ansprüche habe, sondern verdonnerte den inzwischen verarmten und kranken Mann auch zu einer Zahlung von 17.000 Dollar an Marvel, nachdem er sich in Eigenregie mit Ghost-Rider-Artikeln über Wasser halten wollte.*

Was juristisch eine klare Sache zu sein schien, warf erneut moralische Fragen auf. Wäre ohne Friedrich ein profitabler Ghost-Rider-Film mit Nicolas Cage möglich gewesen? Muss der Mann für seine doch eher bescheidenen Versuche, am Erfolg seiner Figur teilhaben zu können, nun auch noch bestraft werden? Auch die gerichtliche Auseinandersetzung der Siegel-Erben mit DC erregte in den letzten Monaten durch neue Entscheidungen in Teilaspekten des Verfahrens wieder mehr Aufmerksamkeit.

Mitte April veröffentlichte Kritiker David Brothers einen Kommentar mit dem Titel „Die verkommene Moral von Before Watchmen und The Avengers, in dem er sachlich und ausführlich darlegt, wieso er künftig Comics und andere Produkte von Marvel und DC meiden wolle. „Mir ist das Fehlverhalten beider Firmen zu bewusst“, schreibt Brothers, „als dass ich sie weiterhin unterstützen könnte, ohne mich dabei schlecht und mitschuldig zu fühlen an ihren ausbeuterischen und ungerechten Praktiken.“

Der Text schlug in der Branche ein wie eine Bombe.

Binnen Tagesfrist teilte DC-Autor Chris Roberson öffentlich mit, dass er aus moralischen Erwägungen nicht mehr mit dem Verlag zusammenarbeiten wolle. „Ich kann meine eigenen Prinzipien nicht mehr mit dem Handeln des Verlags vereinbaren“, schreibt Roberson. Er verweist ausdrücklich nicht nur auf DCs Umgang mit Alan Moore und den Erben Jerry Siegels sowie Marvels Verhalten Jack Kirby gegenüber, sondern auch auf Brothers’ Kommentar.

Das Problem, so scheint es, brennt vielen unter den Nägeln. Bei den Fans gibt es zwar offenbar viele Anhänger der Verlage, die am Gebaren Marvels und DCs nichts Verwerfliches sehen wollen oder denen Urheberrechtsfragen schlicht gleichgültig sind, doch in einer Umfrage des Online-Magazins Comic Book Resources gaben immerhin 56% der über 3.000 Teilnehmer an, dass sie durch die Kontroverse um Before Watchmen inzwischen weniger geneigt seien, die ab Juni erscheinenden Comics zu kaufen.

Tucker Stone, Kritiker und Geschäftsführer der renommierten Brooklyner Comic-Handlung Bergen Street Comics, erklärte, sein Laden werde Before Watchmen aufgrund ethischer Erwägungen boykottieren. „Wir lassen Geld liegen“, sagte Stone. „Wir verlieren wahrscheinlich auch Kunden.“ Das ändere jedoch nichts an der Entscheidung. „Das ist einfach eklig, und wir wollen nichts damit zu tun haben“, so Stone über DCs Umgang mit Alan Moore.

Der Independent-Verlag Image indes kündigte im Februar einen ganzen Erdrutsch neuer Comics von Autoren an, die man vor ein paar Jahren wohl noch bei Marvel- oder DC-Labels wie Icon, Vertigo oder WildStorm gesehen hätte. Image, 1992 von einer Gruppe Zeichner gegründet, die sich nicht mehr von Marvel und DC bevormunden und enteignen lassen wollten, beansprucht für sich keinerlei Beteiligung am Urheberrecht seiner Autoren.

Mit einer baldigen Lösung der Konflikte zwischen Verlags- und Urheberinteressen ist nicht zu rechnen, auch wenn die offenen Bekenntnisse der letzten Wochen und Monate befreiende Wirkung zu haben scheinen. Man spürt einerseits Erleichterung darüber, dass eine Thematik, die viele seit Jahrzehnten beschäftigt, nicht länger totgeschwiegen wird. Gleichzeitig wird jedoch auch deutlich, dass es sich um eine grundlegende Frage handelt, die sich nicht allein auf juristischer Ebene wird klären lassen.

* Nachtrag, Mai 2017: Inzwischen hat sich Marvel mit Gary Friedrich und mit den Erben Jack Kirbys außergerichtlich geeinigt, ebenso wie mit der Familie des Rocket-Raccoon-Erfinders Bill Mantlo. Im Rechtsstreit zwischen DC Comics und den Erben der Superman-Schöpfer Jerry Siegel und Joe Shuster hatte zuletzt der Verlag Recht bekommen. Die Watchmen-Figuren verwertet DC inzwischen auch in anderen Comics, ungeachtet der Einwände Moores.


Eine Fassung dieses Textes erschien 2012 im Comic-Fachmagazin Alfonz.

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