Saturday, April 29, 2017

Mit Karacho durch die Kirbymauer: Die Superheldencomics von Michel Fiffe

Die derzeit beste und aufregendste US-Superheldenserie erscheint weder bei einem der Genre-Giganten Marvel und DC, noch bei Dark Horse oder Image. Sie heißt Copra, ist zunächst auf zwölf monatlich erscheinende Hefte angelegt und wird seit November 2012 von der New Yorker Ein-Mann-Comic-Maschine Michel Fiffe produziert.

Schon äußerlich ist Copra eine Wucht: 24 knallbunte, stabile Kartonseiten samt noch dickerem Schutzumschlag, die sich gut anfassen, den Sehnerv stimulieren und das labberige, digital gefärbte Hochglanzeinerlei der großen Verlage vergessen machen.

Michel Fiffe schreibt, zeichnet und tuscht Copra im Alleingang. Bei der Kolorierung verwendet er Wasserfarben, Buntstifte, Kulis und was er sonst so findet, seine Blasen sprechen lange, bevor man ihren Inhalt liest. Die Helden selbst sind Draufgänger, Halsabschneider und Schlitzohren, die an das Dreckige Dutzend oder das A-Team erinnern, die Schurken wirken wie personifizierte Komposita aus einem Ersatzteillager für Kuriositäten, wandelnde Avantgarde-Albträume aus rohen Muskelsträngen und freiliegender Hirnmasse, geometrischen Singularitäten und aberwitzigen Glas- und Metallkonstrukten, mit triefenden Körpersäften und in extravaganten Kitsch gehüllt.

An das achtköpfige Copra-Team, das anfangs vorgestellt wird, braucht man sich gar nicht erst zu gewöhnen, denn keine der Hauptfiguren ist vor einem plötzlichen Ableben gefeit. Inhaltlich geht es vor allem um das Spektakel von Superhelden-Kampfszenen. Ob schnöder Kugelhagel oder bizarre Zauberei, brachiale Gewalt oder futuristische Wundertechnik, graziöse Nahkämpfe oder Massenvernichtungswaffen: Wenn etwas zu visuell opulenten Superschlachten taugt, dann kommt es es in Copra vor—und sieht verdammt gut aus.

Fiffes Lust, eigene Wege der Darstellung zu finden, ist auf jeder Seite spürbar. Dabei weiß er aber auch das Tempo zu variieren. Gelegenheit zum Durchatmen erhalten die Helden erstmals in Heft 7, das mit einem simplen, ruhigen Seitenaufbau längere Einblicke ins Innenleben der Figuren gestattet. In der Folgenummer geht es dafür umso wilder zu; Copra 8 ist ein visueller und erzählerischen Parforceritt, von dem Grant Morrison noch seinen Enkeln erzählen wird.

Aus seinen Einflüssen macht Fiffe keinen Hehl. Ähnlich wie Planetary oder Astro City ist Copra mit Archetypen bevölkert. Insbesondere die Ende der 1980er von John Ostrander und Luke McDonnell geprägte DC-Reihe Suicide Squad dient Fiffe dafür als Blaupause. Als eine Art Testballon veröffentlichte er im Frühjahr 2012 den Suicide-Squad-Fancomic Deathzone!, und auch in Copra finden sich etwa Hommagen an die Figuren Deadshot und Amanda Waller. Der visuelle Stil von Copra ist gespickt mit Zitaten von Fiffes Lieblingszeichnern: McDonnell natürlich, außerdem Frank Miller und Klaus Janson, Walt Simonson und Keith Giffen, John Romita jr., Trevor von Eeden, Erik Larsen, Rick Leonardi und Kyle Baker, und und und.

Eine ganz besondere Beziehung pflegt Fiffe derweil mit Steve Ditko, denn die beiden unterhalten seit mehr als 15 Jahren einen regen Briefwechsel. Fiffe bezeichnet den sehr zurückgezogen lebenden Altmeister als einen „Anti-Mentor“, mit dem er selten einer Meinung ist, der ihn aber als Mensch wie als Künstler entscheidend inspiriert. In Copra findet man nicht zufällig zwei Hauptfiguren, die Doctor Strange und Clea nachempfunden sind. (Sehr unterhaltsam liest sich auch ein Blogeintrag auf Fiffes Webseite, der seine erste und bislang einzige Begegnung mit Ditko schildert.)

Und wo Superhelden sind, da ist Jack Kirby natürlich nicht fern. Im Fall von Copra macht sich dies vor allem in der Philosophie bemerkbar, die hinter dem Comic steht. Michel Fiffe ist beileibe nicht der erste, der selbstgemachte Comics in Mini-Auflage verkauft. Aber er hat sich dafür bewusst einen strammen Zeitplan auferlegt, um annähernd die Spontaneität nachzuvollziehen, auf die Kirby bei seiner heute nur noch sehr schwer vorstellbaren Produktionsgeschwindigkeit angewiesen war.

„Breaking the Kirby Barrier“ nennt Fiffe das—die „Kirbymauer“ durchbrechen. Das geht so: Die erste Woche eines Copra-Zyklus veranschlagt Fiffe für Plot, grobe Layouts, Dialoge und Lettering. In den nächsten eineinhalb Wochen folgen Bleistift- und Tuschezeichnungen, danach etwa eine Woche Kolorieren und Einscannen, bevor der fertige 24-Seiten-Comic in den Druck geht. Schließlich gilt es zu werben, zu verkaufen, Rechnungen zu schreiben, Zuschriften zu beantworten und Interviews zu geben.

Dann geht alles wieder von vorne los. Fiffe betont, dass er Arbeitsschritte wie das eigenhändige Verschicken der Hefte als unabdingbaren Teil seines künstlerischen Prozesses begreift. „Das bin alles ich“, sagt er in einem Interview mit Comics Alliance. „Es ist dieselbe Stimme, dieselbe Ästhetik, und ich versuche, alles mit demselben Maß an Respekt zu behandeln. Ich will das nicht einen anonymen Angestellten machen lassen, oder sonstwen.“

Und, na ja, es funktioniert. Copra knistert förmlich vor kreativer Energie und wirkt spontan wie kaum ein anderer Genre-Comic, ist aber gleichzeitig unverkennbar aus einem Guss. Wer Comics wie Morrisons Doom Patrol, Ellis’ und Immonens Nextwave oder eben Suicide Squad mochte, der wird auch an Copra seine Freude haben.

Und pro Ausgabe mehrmals den Mund nicht zu bekommen, wenn Michel Fiffe wieder einmal durch die Kirbymauer kracht.


Eine Fassung dieses Textes erschien 2013 im Comic-Fachmagazin Alfonz

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