Tuesday, August 8, 2017

Charlie Brown und Lucy auf Abwegen: TEOTFW und Celebrated Summer von Charles Forsman

Celebrated Summer ist ein Urschrei, gezeichnet in einem beiläufigen, hypnotischen Monoton“, schreibt James Sturm über Charles Forsman. „Wenige Comics sind derart beseelt. Wenige Comic-Autoren verfügen über solche Abgeklärtheit.“ Wolf, der Held von Forsmans Geschichte, erinnere an Charlie Brown und Holden Caulfield, so Sturm.

Nun stehen diese Zeilen erstens als „Blurb“ auf der Buchrückseite, zweitens war Sturm Forsmans Dozent und Direktor am Center for Cartoon Studies, einer renommierten Comic-Hochschule im US-Bundesstaat Vermont. Etwas Skepsis ist also nicht unangebracht.

Andererseits ist Sturm nicht eben als hysterischer Übertreiber bekannt, der für jeden dahergelaufenen Anfänger die Werbetrommel rührt. Wer mit ihm spricht und ihm zuhört, der lernt ihn als sehr besonnenen Menschen kennen, der dem Comic als Erzählform durchaus ambivalent gegenübersteht.

„Ich schaue mir zwar viele Comics an und finde Gefallen an den Zeichnungen, oder die Gesten oder Illustrationen haben etwas, das mich anspricht“, sagte mir Sturm vor drei Jahren in München. „Aber das alles fasziniert und fesselt mich oft nicht so, wie ich es bei einem Roman empfinde… nicht viele Comics schaffen das. Es gibt wenige Comic-Autoren, die mit ihrer Arbeit bei mir den gleichen Effekt erzielen.“

Wenn ausgerechnet Sturm also überschwänglich von „beseelten“ Comics spricht, die „hypnotisch“ wirken, dann lässt das aufhorchen.

Charles Forsman ist aufgewachsen in einem 9.000-Seelen-Städtchen in Pennsylvania, das den beinah updikeesken Namen Mechanicsburg trägt. Da schwingen, etwas böse formuliert, bereits viele Motive mit, die uns auch in Forsmans Comics begegnen: Provinzöde, zerrüttete Familien, pubertäres Ennui, nicht ganz einfache Leute aus nicht ganz einfachen Verhältnissen mit dünnen Perspektiven.

Forsman verlor mit elf seinen Vater, schmiss später die Highschool, um „zu arbeiten und um sich zu schlagen“, wie es im hinteren Teil von TEOTFW heißt, ehe er „ein Zuhause“ am Center for Cartoon Studies fand, wo er nebenher in der Charles Schulz Library arbeitete. Ab 2006 verlegte er seine eigenen Minicomics, tat sich bald mit anderen Autoren zusammen und hob die Anthologie Sundays aus der Taufe, von der bislang fünf Ausgaben erschienen sind.

Im Jahr 2008 machte Forsman seinen Abschluss am Center for Cartoon Studies und gewann mit Snake Oil die Ignatz-Preise für den „Herausragenden Comic“ und die „Herausragende Serie“, 2013 wurde das letzte Heft seiner 16-teiligen Reihe The End of the Fucking World (alias TEOTFW) von den Ignatz-Juroren zum „Herausragenden Minicomic“ gekürt. Seit 2011 betreibt Forsman zudem den Kleinstverlag Oily Comics, bei dem eigene Arbeiten sowie die von Autoren wie Alex Kim, Michael DeForge und Josh Simmons erscheinen.

„Am meisten mag ich es, Comics zu zeichnen“, sagt er dem Comics Journal. „Aber ich mag auch die Produktion und das Verschicken. Diese ganzen Abläufe haben etwas, das die Arbeiterbiene in mir befriedigt.“

Celebrated Summer, Forsmans erster längerer Comic, entstand 2010 und 2011, erschien aber erst Ende 2013. Es ist ein großformatiger Band mit viel Kontrast, viel Kreuzschraffur und einem im Lauf der 65 Seiten häufig variierten Zwölf-Panel-Gitter als Basis—ein für Forsman untypischer, ungewöhnlich zeitintensiver Erzählansatz.

Celebrated Summer erzählt von Wolf und Mike, zwei Teenagern in der amerikanischen Provinz, die LSD einwerfen und sich auf einen Trip begeben—im doppelten Wortsinn, denn während die Pillen langsam Wirkung zeigen, fahren die beiden Jugendlichen durch die Gegend und erleben... nun ja, gar nicht mal so viel.

Auch der titelgebende „glorreiche Sommer“ ist also zweideutig zu verstehen. Die Jungs wandern durch den Wald und am Strand entlang, besuchen eine Spielhölle und begegnen Mädchen und Polizeibeamten. Sie reden nicht viel, ab und zu staunen sie einfach nur über ihre Halluzinationen, in erster Linie verschwenden sie zusammen ihre Zeit. Am Ende muss sich Wolf fragen, ob es nun ein glorreicher Sommer war oder doch eher ein „glorreicher“, und es bleibt der nagende Verdacht, dass die beiden Optionen vielleicht gar nicht so weit auseinander liegen.

Hier nun lohnt sich der große erzählerische Aufwand, mit dem Forsman die kaum existente Handlung konterkariert: Es ist ein sehr präzises und dichtes Porträt eines sehr flüchtigen, kaum greifbaren Augenblicks, das ihm mit Celebrated Summer gelingt. Er zieht uns in die Geschichte hinein und lässt uns teilhaben an einer Reise, von der am Ende sehr viel mehr hängenbleibt, als sich eigentlich zugetragen hat.

Die formalen Spielregeln von TEOTFW wiederum sind vollkommen andere. Die Seiten sind nur knapp halb so groß wie die von Celebrated Summer und richten sich an Sechs- und Neun-Panel-Gittern aus. Kontraste und Kreuzschraffur setzt Forsman hier sehr viel sparsamer ein, er reduziert seine Panels oft auf das Allernötigste—ein Minimalismus, der nicht unangemessen ist, denn in TEOTFW nehmen Figuren und Handlung eine sehr viel tragendere Rolle ein als in Celebrated Summer. Kein Grund also, den Leser mit übermäßig detailverliebten Bildern und Seitenlayouts auszubremsen.

Es geht um die von ihren getrennt lebenden Eltern vernachlässigte Teenagerin Alyssa und ihren soziopathisch veranlagten Freund James, der in ihr seine einzige Chance sieht, so etwas wie eine Bindung zu einem anderen Menschen aufzubauen.

Wenn man sich vorstellt, dass Charlie Brown und Lucy im späteren Leben einmal zu Bonnie und Clyde werden (oder besser: Martin Sheen und Sissy Spacek aus Terrence Malicks Film Badlands, den Forsman selbst als Inspiration nennt), dann befindet sich das jugendliche Liebespaar, das hier mal mehr und mal weniger ziellos auf der Flucht ist, ungefähr auf halber Strecke dieser Entwicklungskurve.

Zwischenzeitlich biegt der Plot zur Groteske ab, wenn sich James’ und Alyssas Weg mit dem eines Serienkillers kreuzt, und immer wieder verstören unvermittelte Einblicke ins Innenleben der beiden Flüchtigen. TEOTFW mag formal und strukturell verspielt und um keine Anspielung verlegen sein, seine bestechende Qualität aber entfaltet es vor allem auf der Figurenebene.

Die von Sturm ins Spiel gebrachte Schulz-Referenz ist nicht einfach so dahergesagt: Sowohl der Zeichenstil des „Peanuts“-Schöpfers—die Gesichter, der „zitternde Strich“—als auch sein lakonischer Humor lassen sich in TEOTFW als maßgebliche Einflüsse identifizieren. Mehr noch: Viele der 128 Seiten des Bandes könnten von ihrer Erzählstruktur her auch alleinstehende Folgen eines Zeitungsstrips sein.

So sehr der Plot auch mäandern mag, so sehr zeigt sich auf der Seitenebene die Handschrift eines versierten und ambitionierten Erzählers, der seine Vorbilder genauestens studiert und sich gründlich überlegt hat, wie er seine Geschichte taktet und einen gewünschten Effekt beim Leser erzielt. Zwar erfindet TEOTFW nicht das Rad neu und nicht alle Wendungen und Offenbarungen gelingen vollends, aber wenn man das Buch einmal in die Hand nimmt und zu lesen beginnt, möchte man es nicht wieder weglegen. Zu zwingend ist der erzählerische Bann der Geschichte, zu packend sind die Figuren.

Wenn Celebrated Summer ein hypnotischer Trip ist, dann ist TEOTFW ein atemloser Spurt, und wenn wir beim Lesen stolpern, dann nur dort, wo der Autor uns bewusst Steine in den Weg gelegt hat. Die stilistische und erzählerische Bandbreite, aber auch die deutliche Weiterentwicklung zwischen den beiden Comics, lassen in Zukunft Großes von Forsman erwarten. Seine aktuelle Minicomic-Reihe Teen Creeps erscheint seit Juli 2013.

Eine Fassung des Texts erschien 2014 im Comic-Fachmagazin Alfonz. Charles Forsman schreibt und zeichnet aktuell die Reihen Revenger und Slasher.

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